Praxistest: Fujifilm X-T20

KAMPFANSAGE

Die neue Fujifilm X-T20 bietet die wichtigsten technischen Eigenschaften des Topmodells X-T2 in einem kompakteren Gehäuse und das zu einem Preis, der die Konkurrenz das Fürchten lehren kann.

VON HANS-GÜNTHER BEER
© ALLE FOTOS HANS-GÜNTHER BEER

Die neue X-T20, trotz großer Ähnlichkeit bei Abmessungen und Erscheinung mit ihrem Vorgänger X-T10 zu vergleichen, führt zu völlig falschen Schlussfolgerungen. Hat es doch die kompakte und elegante Systemkamera faustdick hinter den Ohren und alle wesentlichen Eigenschaften der Profikamera X-T2 (Test Ausgabe 11/2016) geerbt.

Ausstattung, Verarbeitung und Bedienung

Für einen unverbindlichen Richtpreis von 900 Euro, und damit fast halb so teuer wie der große Bruder, bietet die X-T20 den gleichen 24-Megapixel- APS-C-Bildsensor ohne Tiefpassfilter, ebenso den Bildprozessor X-Processor Pro und die gleiche Autofokuseinheit, die ja zu den Highlights der X-T2 gehört. Selbst Video-Aufnahmen im UHD-Format mit 4K/29,9P beherrscht die X-T20. Jedoch gibt es auch deutliche Unterschiede zwischen den beiden Kameramodellen: Zunächst liegt die X-T2 nicht nur wegen der etwas größeren Abmessungen besser in der Hand, so zumindest die Meinung einiger männlichen Verlagskollegen. Bei den Damen in der Pictures-Redaktion entpuppte sich allerdings hierbei die X-T20 als Favorit. Deren Gehäuse ist außerdem im Gegensatz zum großen Bruder nicht gegen Staub und Spritzwasser abgedichtet. Profis bestehen allerdings darauf, aber wer nicht bei schlechtem Wetter draußen fotografiert, wird diese aufwändige Abdichtung weniger vermissen. Das Gehäuse der X-T2 wirkt außerdem insgesamt etwas wertiger und robuster, ist aber größer und schwerer.

Die Fujifilm X-T20 wirkt im direkten Vergleich zur Profikamera X-T2 merkbar zierlicher, dafür insbesondere in der silbernen Ausführung, aber auch eleganter.

Die Fujifilm X-T20 wirkt im direkten Vergleich zur Profikamera X-T2 merkbar zierlicher, dafür insbesondere in der silbernen Ausführung, aber auch eleganter.

Doch auch die Verarbeitung der X-T20 ist tadellos, die Wertigkeit hoch und die Haptik wohl gelungen. Ihr Gehäuse besteht ebenfalls aus einer robusten Magnesiumlegierung. Das Konzept, möglichst viele, häufig benutze Einstellungen direkt mit mechanischen Bedienelementen vornehmen zu können, ist auch bei der X-T20 gut, wenn auch nicht ganz so konsequent wie bei den großen Modellen umgesetzt. So ist der direkte Zugriff auf die ISO-Einstellung genauso verwehrt wie das Umschalten der Messmethode. Statt eines ISO-Verstellrades auf der linken Schulter des Gehäuses, findet sich dort ein Betriebsartenwahlschalter, der sich sogar besser bedienen lässt als der konzentrische Drehring bei der X-T2. Mit dem bei der X-T20 dort angeordneten konzentrischen Knebel lässt sich der eingebaute Blitz, den die X-T2 nicht besitzt, blitzschnell herausfahren. Zugriff auf alle wichtigen Funktionen, die nicht per mechanischem Schalter oder per Taste erreichbar sind, erfolgt nach Betätigung der Taste „Q“ im Quickmenü auf dem Display. Das Quickmenü lässt sich übrigens individuell konfigurieren. Ein Hauptfeature der X-T20 ist der Touchscreen, auf dem man nicht nur per Fingerwisch durch Aufnahmen blättern kann, sondern den Fokuspunkt setzen und auch auslösen. Menüfunktionen lassen sich jedoch nicht per Touchscreen einstellen und man sollte für die Touchscreen- Bedienung unbedingt den Augensensor mit der „View Mode“-Taste neben dem Sucherokular deaktivieren, sonst schaltet sich der Monitor ständig ab. Sehr gut gefallen hat uns bei der Bedienung der X-T20, dass wie bei den großen Modellen die beiden Einstellräder vorne und hinten auch eine Tastenfunktion haben, das bietet sonst kein Hersteller. Gar nicht gefallen hat uns hingegen die Funktionstaste „FN“ vor dem Stellrad für die Belichtungskorrektur. Diese Taste ist so bündig ins Gehäuse eingelassen, und das war schon bei der X-T1 ein Thema, dass man sie eigentlich nicht bedienen kann und wenn, dann nur mit großer Konzentration – einfach nur ärgerlich. Allerdings gilt dies ausdrücklich nicht für alle anderen Tasten auf der Rückseite, die sind erhaben eingebaut und lassen sich blind bedienen. Der OLED-Sucher der X-T20 besitzt ebenfalls eine Auflösung von 2.35 Millionen Bildpunkten, ist knackscharf und kontrastreich, bietet aber nicht ganz den Großbildleinwand- Aha-Effekt wie der in der X-T2. Dies liegt an der etwas geringeren Suchervergrößerung und fällt auch nur im direkten Vergleich auf. Ansonsten gehört der Sucher der X-T20 zu den derzeit besten, Brillenträger kommen mit ihm prima zurecht. Die kürzeste mechanische Verschlusszeit der X-T20 ist die 1/4.000 Sekunde (X-T2 1/8.000), aber der elektronische Verschluss bietet ebenfalls die 1/32.000 Sekunde und so sind auch bei hellstem Sonnenlicht große Blendenöffnungen möglich. Die Basis ISO-Empfindlichkeit der X-T20 beträgt ISO 200, maximal sind ISO 12.800 sowie zwei Push-Stufen bis ISO 51.200 möglich. Die maximale Bildfrequenz beträgt 8 Bilder/ Sekunde mit mechanischem und bis zu 14 B/s mit elektronischem Verschluss. Bei Bilderserien sind es bis zu 23 RAW- und 62 JPEG-Aufnahmen, die der interne Pufferspeicher aufnehmen kann und erst dann die Serienbildgeschwindigkeit herunterbremst.

Da der einzige SD-Kartenslot auf der Unterseite lediglich eine UHS-ISchnittstelle besitzt, dauert das komplette Wegspeichern auf eine SD-Karte deutlich länger als bei der X-T2 (zwei Kartenslots, eine davon mit schneller UHS-II-Schnittstelle). Bei 4K-Videoaufnahmen sind Szenenlängen von maximal 10 Minuten auf die SD-Karte möglich. Die X-T20 arbeitet wie der große Bruder bei 4K-Videos mit einem Cropfaktor von 1,17 bezogen auf die Sensorgröße und mit 6KAuflösung, die dann vor der Aufzeichnung auf 4K-Auflösung heruntergesampelt werden. An die HDMISchnittstelle gibt sie die unkomprimierten Videodaten im Format 4.2.2 und 8 Bit Auflösung an externe Recorder aus, allerdings stellt sie dort nicht den F-Log Color Mode zur Verfügung. Doch die Fujifilm-typischen Filmsimulationen, 15 an der Zahl von Provia, Velvia über Classic Chrome bis hin zu Schwarz-Weiß-Simulationen mit Rot-, Gelb- oder Grünfilter, stehen nicht nur für Fotoaufnahmen im JPEG-Format, sondern auch für Videoaufnahmen (4K und HD) zur Verfügung. Damit sind mitunter aufwändige Nachbearbeitungen für bestimmte Filmlooks überflüssig.

Der Autofokus in der Praxis

Die komplette Autofokuseinheit, hat die X-T20 wie gesagt von der X-T2 geerbt, einen Hybridautofokus, also eine Kombination aus Phasen- und Kontrastautofokus. Der Bereich, in dem die 91 beziehungsweise 325 Fokuspunkte angeordnet sind, erstreckt sich über fast 80 Prozent des Bildfeldes. Den jeweils wirksamen Autofokuspunkt im AF-Modus positioniert man bei der X-T20 mit dem Bedienkreuz, den griffigen Joystick der X-T2 haben wir an dieser Stelle schmerzlichst vermisst, aber irgendwo muss der Preisunterschied ja herkommen. Durch Drehen des rückwärtigen Einstellrades wählt man drei verschiedene Zonengrößen mit Gruppen von 3 x 3, 5 x 5 oder 7 x 7 Fokuspunkten aus und verschiebt diese per Bedienkreuz. Unter dem Menüpunkt „AF-C Benutzerdef. Einst.“, bietet die X-T20 fünf jeweils fest voreingestellte Einstellungen mit verschiedenen Algorithmen beim Fokustracking an, und damit für alle vorkommenden Situationen, wie beispielsweise „Bei plötzlichem Auftauchen des Objekts“ oder „Hindernis ignorieren und Motiv weiter verfolgen“ die richtige Lösung. In der Praxis funktioniert das nach ein bisschen Training sehr gut, wenn auch die X-T2 letztendlich noch treffsicherer und präziser fokussiert. Allerdings setzt die X-T20 in ihrer Klasse einen sehr hohen Benchmark was die Autofokusqualität betrifft.

Die Bildqualität

Dies gilt in Sachen Bildqualität über die Preisklassengrenze hinaus. Will heißen, die X-T20 liefert bestechend scharfe Fotos mit einer exzellenten Detailwiedergabe und mit einer wunderbar ausgeglichenen Farbwiedergabe. Die Wiedergabe feinster Strukturen, also der Mikrokontrast und vor allem die Wiedergabe auch schwieriger Farbkompositionen im Motiv sind hervorragend. Die Farben haben eine besondere Anmutung und wirken sehr realistisch und fein abgestuft. Dies bleibt auch bei hohen Empfindlichkeits- Werten bis ISO 1.600 ohne Einschränkung erhalten, ab ISO 3.200 wird Farbrauschen zwar schon sichtbar, aber die Auflösung bleibt immer noch auf hohem Niveau, oberhalb von ISO 6.400 nimmt dann der Kontrast deutlicher ab.

Fazit

Die Fujifilm X-T20 ist eine wohlgelungene, kompakte, edel wirkende Systemkamera mit einer exzellenten Bildqualität und einem hervorragenden Autofokus. Konfigurationsmöglichkeiten und Ausstattung – unter anderem 4K-Video – sind üppig, die Preis- Qualitäts-Relation eine Herausforderung an die Mitbewerber.

Steckbrief Fujifilm X-T20

Hersteller FUJIFILM Electronic Imaging Europe GmbH
Vertrieb www.fujifilm.de
Preis [UVP] 899 €

Technische Daten/Ausstattung
Gehäuse Magnesium-Legierung
Spritzwasser- und Staubschutz –
Objektivbajonett/Objektiv fest eingebaut FUJIFILM X mount/-
Sensortyp/Prozessor 24,3 MP/6000 x 4000 Pixel
Bildformate JPEG, RAW (14 Bit)
Bildstabilisator in entsprechend ausgestatteten Objektiven (OIS)
Sensorreinigung Ultraschallfilter
Sucher elektronisch, OLED, 2.360.000 Punkte, Vergr. 0,62x
Dioptrienanpassung -4,0 bis +2,0 dpt, Pupillenabstand 17,5 mm
Programm-/Zeit-/Blendenautomatik/manuell JA/JA/JA/JA
Belichtungsmessung Mehrfeld/Integral/Spot JA/JA/JA
Belichtungskorrektur/ Belichtungsreihen JA/JA (± 5 EV), Video ±2 EV
Weißabgleich: Auto/manuell/Presets/Reihen JA/JA/JA/JA
ISO-Empfindlichkeit ISO 200-12.800 (plus 100, 25.600, 51.200)
Verschlusszeiten/Blitzsynchronisation 30-1/4000s / 1/180s, elektr. Verschluss bis 1/32.000
Auslösemodi S, CL, CH
Selbstauslöser JA (2s/10s)
Intervalltimer JA
Fokussiersystem Hybrid: Kontrast- und Phasen-Fokussierung
AF-Messfelder/Arbeitsbereich 325 (Kontrast-AF, Phasen-AF),AF-C 91 Fokuspunkte
Fokusmodi Manuell, single, kontinuierlicher AF
AF-Hilfslicht JA
Gesichterkennung JA
Maximale Bildsequenz 8 Bilder/s,14 B/s
Max Anzahl Bilder bis Speicher voll bei 8 B/s 23 unkompr. RAWs, 62 JPEG
eingebauter Blitz JA (LW 5)
Blitzmodi 2. Verschlussvorhang, Slow-Synchro, HSS
Externe Blitze steuerbar Master-/Slave-Modus JA/JA
Touchscreen JA
Livebild/mit Autofokus JA/JA
Wasserwaage JA
Bildschirm/Auflösung/klappbar/schwenkbar 3-Zoll/1.040.000 Pixel/JA/-
Schnittstellen USB 2.0, HDMI, externes Mikrofon
Speicherkarten SD-Karte (SDHC-, SDXC-, UHS-I-kompatibel)
WiFi/NFC JA/-
Videoformat MPEG-4 AVC / H.264
bestmögliche Videoqualität 4k/29,97p, 100 Mbit/s 10 Min., Full HD/59,94p, 18 Mbit/s 30 Min.
Tonaufnahme Linear PCM Stereo
Abmessungen (BxHxT) 119 x 83 x 42 mm
Gewicht 390 g (inklusive Akku und Speicherkarte)

Besonderheiten
5 Presets für Focus-Tracking 15 Analogfilm-Simulation, 13 Filter-Funktionen, Panorama

BILDQUALITÄT 9
AUSSTATTUNG 9
BEDIENUNG 8,5
VERARBEITUNG 9
PREIS-LEISTUNG 9,5

Dieser Test stammt aus der
Ausgabe 05/2017.

2017-09-14T11:51:07+00:00 14. September 2017|Categories: Kameras, Praxistests|Tags: , |

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