Alles andere als verloren: Lost Places

Zumindest für uns Fotografen sind alte Fabrikgelände, stillgelegte Bahnhöfe, aus der Mode gekommene Freizeitparks oder einfach unbewohnte Villen ein Glücksfall.

Wenn dem Zugang nichts im Wege steht, warten an solchen Orten oft marode, düster-schöne und zwielichtige Bilder, die eben nur noch gemacht werden müssen. Wo und wie das am besten funktioniert, erfahren Sie hier.

Der nächste Sommer ist noch lange hin, und das Wetter sieht gar nicht so fotofreundlich aus. Diesige Sicht und fehlendes Sonnenlicht tauchen die Umgebung in ein tristes Grau. Da mag gar keine richtige Fotografierlust aufkommen. Aber was soll man machen, wenn der Auslösefinger ganz nervös juckt und die Speicherkarte nach Nahrung verlangt? Die wunderbare Mohnblüte mit dem passenden Leuchtturm im Hintergrund oder der frisch renovierte Galerieholländer mitten im Rapsfeld stehen gerade nicht zur Verfügung. Aber um die Ecke, da geben die jetzt laublosen Bäume den Blick frei, auf den alten Schuppen oder das verlassene Wirtschaftsgebäude, welches schon lange nicht mehr bewirtschaftet wird. Und dann gibt es doch auch noch das nahe Industriegebiet, dessen Beton-Plattenbauten auch die besten Zeiten hinter sich haben. Wenn man sich in seiner näheren oder weiteren Umgebung umschaut, wird man viele Liegenschaften entdecken, die neudeutsch so schön als „Lost Places“ bezeichnet werden.

Diese Orte sind meistens verlassen und ihrer ursprünglichen Funktion enthoben. Sie stehen leer und harren einer neuen Nutzung  oder warten auf den Abrisstrupp. Dabei gibt es bekanntere Stellen, die inzwischen jeder kennt und deren Adressen in entsprechenden Internetforen offen gehandelt werden, aber auch geheime Orte, für die der ein oder andere sogar mal eine Sünde begeht. Je mehr solche Objekte an die aktiven Zeiten erinnern, desto spannender sind sie für uns Fotografen. Ein großer, mit Graffiti verzierter Raum, dem man nicht ansehen kann, welchem Zweck er diente, ist vergleichsweise langweilig. Während eine stattliche Halle, in der Installationen und Einrichtung daran erinnern, was hierin stattgefunden hat, ganz besonders interessant ist. Der Traum aller Fotografen sind Räume, die noch eingerichtet sind und lediglich dicke Staubschichten oder abblätternder Putz den Unterschied zwischen Museum und reeller Wirklichkeit ausmachen. Im besten Fall liegt die Seife noch im Waschbecken der KFZ-Werkstatt oder die Ölkanne erinnert an die letzte Lokomotive, die den Lokschuppen vor Jahren verlassen hat.

Die Grenzen ausloten

Jedem Fotografen wird bestimmt ein verlassenes Gebäude, eine leere Fabrikhalle oder ein zugewuchertes Gelände einfallen. Aber reinmarschieren und fotografieren ist meist nicht so einfach möglich. Hier gilt es für uns Fotografen ein paar Vorschriften und Gesetze zu beachten. Auf öffentlichem Grund ist das Fotografieren im Allgemeinen gestattet, so weit nicht Rechte Dritter dagegenstehen und wir dies ohne Hilfsmittel tun. Sobald wir aber Privatgelände betreten, unterliegen wir nicht mehr der „Panoramafreiheit“, und das Fotografieren ist nur noch mit Genehmigung erlaubt. Vielleicht hat der ein oder andere schon einmal Bekanntschaft mit Beauftragten einer öffentlichen Liegenschaft gemacht, und wurde aufgefordert, das Fotografieren auf einem Grundstück, in einem Bahnhof oder anderen öffentlichen Einrichtungen zu unterlassen. Dabei kommt man oft mit einer mal mehr, mal weniger höflichen Aufforderung, die Kamera einzustecken, davon. Anders sieht es meist auf privatem Gelände aus. Umzäunung und Sicherheitsdienste schützen es vor unbefugtem Betreten. Wenn dies ignoriert wird und das Gebiet trotzdem betreten wird, begeht man im juristischen Sinne mindestens Hausfriedensbruch. Damit ist für viele ein gewisses Abenteuer und Herzklopfen verbunden, ruhiges und konzentriertes Fotografieren ist so aber nur eingeschränkt möglich. Und nutzbar sind die Bilder sowieso nicht, denn wer will schon Beweise für die eigene Gesetzesübertretung veröffentlichen?

Dagegen hilft am besten das Einverständnis des Eigentümers, welches man mit ein wenig Überzeugungsarbeit und einer tollen Geschichte bekommen kann. Dem voraus geht meist eine längere Recherchearbeit, die oft mit einer Zeitungsmeldung beginnt. In den regionalen Medien wird häufig schon lange vorher über bauliche Veränderungen und Schließungen von Fabriken oder Gewerbegebieten berichtet, die ursprünglich am Stadtrand gebaut wurden, inzwischen aber inmitten von Wohngebieten Platz für Wohnraum oder neue Gewerbeflächen machen müssen. Wenn man erst einmal die Fährte aufgenommen hat, sollte man die Entwicklung aufmerksam verfolgen.

Recherchearbeit lohnt sich. Wenn man erst einmal mehr über das Gelände weiß, ist man kompetenter Ansprechpartner und über den aktuellen Status informiert. So kann dann auch rechtzeitig vor dem Ende der Nutzung bei der Presseabteilung oder der Geschäftsführung um Genehmigung angefragt werden, das Gebäude fotografisch für die Nachwelt erhalten zu dürfen. Je freundlicher und seriöser der Wunsch vorgetragen wird, desto wahrscheinlicher wird die Erlaubnis, auf dem Gelände fotografieren zu dürfen. Die Zusage, alle Sicherheitsvorkehrungen zu beachten, sind beispielsweise ein gutes Argument, die Einwilligung für Fotoaufnahmen zu erhalten. Versuchen Sie es doch einfach einmal.

Bei dem vorgeschlagenen Vorgehen wird man sich auch mal einen Korb abholen müssen und das begehrte Objekt letztlich doch nur durch den Zaun betrachten dürfen. Auch wenn es schwerfällt aus der Distanz fotografieren zu müssen, nutzen Sie aber trotzdem die Gelegenheit, denn schon in wenigen Tagen können die Abrissbagger kommen und Platz für die quadratisch und praktische Architektur des 21. Jahrhunderts schaffen. Oft hilft auch aufmerksames Erkunden der Umgebung. Vielleicht ist da ja doch noch ein toller Standpunkt, der einen guten Aufnahmewinkel bietet. Es gibt aber auch hin und wieder Gelegenheiten, da ist nicht so richtig eindeutig ersichtlich, dass das Betreten verboten ist. Warum soll man die Grenzen nicht einfach mal ausloten? Im übelsten Fall wird man des Geländes verwiesen. Leider habe ich trotz Einhalten der Grundstücksgrenzen schon häufig Diskussionen führen müssen. Die offizielle Weste des Sicherheitsdienstes verleiht manch einem Wachmann das Gefühl, ganz besondere Befugnisse gegenüber dem Fotografen zu haben, der oft als natürlicher Feind betrachtet wird. Mein Rat: Verstecken Sie sich nicht. Von öffentlichem Grund aus, haben Sie die Rechtsprechung auf Ihrer Seite, und wer sagt, dass Ihre gelbe Warnweste weniger offiziell ist als seine?

Pauschalangebote für den Lost Places-Touristen

Es gibt aber auch Rundumsorglospakete für Lost Places-Fotografen, die frei von Druck und Angst, ein mehr oder weniger verlassenes Set suchen. Besonders der östliche Teil des Bundesgebietes bietet aufgrund ungeklärter Eigentumsverhältnisse durch die Wiedervereinigung viele interessante Örtlichkeiten. In und um Berlin herum hält der Anbieter go2know, als Spezialist für Lost Places und geheime Orte, eine Menge Möglichkeiten parat, um in aller Ruhe und mit Erlaubnis an eher verborgenen als verlorenen Plätzen zu fotografieren und seine Ideen umzusetzen.
Egal ob Mode, Beauty, Porträt, Steam Punk, Lightart bzw. Lightpainting, Dokumentar oder all die anderen Aufnahmesujets, hier können sie unkompliziert umgesetzt werden. Das Angebot solcher Orte ist sehr breit gefächert. Vom stillgelegten Freizeitpark über ehemalige Krankenhäuser und Militäranlagen bis zu alten Fabrikationsanlagen, steht alles zur Verfügung, was das Fotografenherz begehrt. In kleinen Gruppen können Innenräume und oft auch Außenanlagen in aller Ruhe abgearbeitet werden und das ganze legal, ohne Druck oder Zeitnot. Die ehemaligen Lungenheilstätten in Beelitz, südlich von Berlin, sind beispielsweise ein solcher Ort. Es gibt wohl keinen begeisterten Lost Places-Fotografen, der sie nicht mindestens einmal besucht hat. Auch wenn ich mir fest vorgenommen habe, diesen inzwischen komplett abfotografierten Ort nicht besuchen zu wollen, hat es mich dann schließlich doch gepackt und ich wollte auch einmal meine eigenen Eindrücke sammeln und in Bilder umsetzen. Ich hatte sehr viel Glück, und die alten Gemäuer noch relativ ursprünglich vorgefunden. Denn Filmproduktionen für Kino oder Musikvideos sorgen inzwischen immer wieder für Veränderungen, welche die Ursprünglichkeit zum Teil stark beeinflussen oder bis zur Unkenntlichkeit verändern.

Für Fotografen ist gerade eine solche Liegenschaft ein Traum. Hohe Zäune und Sicherheitspersonal schützen die Anlagen vor Vandalismus und vor allem vor Graffitis, die oft lediglich wirre Schmierereien sind. Vielen Räumen sieht man auch heute, 30 Jahre nach der Schließung, den ursprünglichen Verwendungszweck an. Oft ist auch die Installation von Versorgungsleitungen noch vorhanden und erkennbar. Wasch- und Sanitärräume, Behandlungsräume, Schwimmhallen, prächtige Treppenhäuser oder Theatersäle sind meist in einem Zustand, dass man meint, der Betrieb könnte nach Aufräumen und feucht Durchwischen wieder aufgenommen werden. Der Fotograf kann sich hier ganz auf seine Arbeit konzentrieren. Mit der Buchung zahlt man je nach Art der Tour und Ort eine entsprechende Gebühr und kann sich frei auf dem Gelände bewegen. Die Tatsache, dass die Gruppen eher klein sind und die Zeit mit bis zu 6 Stunden mehr als ausreichend ist, sorgt für viel Ruhe und es gibt kaum Menschen, die durchs Bild laufen. So ist es beispielsweise möglich, dass kleine Modelabels ihre Kollektion in einem ehemals prächtigen Tanzsaal fotografieren können, oder Lightpainting-Artisten in einem der riesigen Theatersäle ein optimales Umfeld finden. Für wieder andere ist es spannend, durch die altenGemäuer auf der Suche nach den Souvenirs einer vergangenen Zeit zu streichen. Die „Gebühr“ von bis zu 70 Euro zahle ich für einen solchen Luxus gern.

Die Natur erobert zurück

Ebenfalls lange Zeit im Angebot von Veranstaltern von Fototouren und Workshops war einer der beliebtesten DDR-Freizeitparks, der Spreepark Plänterwald. Dieses riesige Gelände im Osten Berlins wird langsam Stück für Stück von der Natur zurückerobert. Gerade die eher kalten und schmucklosen Jahreszeiten bieten optimale Voraussetzungen, um die maroden Fahrgeschäfte in passender Umgebung abzulichten. Streitereien um die Eigentumsverhältnisse haben eine Neubebauung dieses Geländes lange Zeit verhindert, so dass viele Fotografen Gelegenheit hatten, das Gebiet zu erkunden. Dieser Park ist ebenfalls ein gutes Beispiel dafür, dass man nicht lange warten sollte, wenn neue Objekte und Fototouren angeboten werden, denn sie werden nicht nur Fotografen, sondern auch anderen Nutzern angeboten. So brachten verschiedene Musik- veranstaltungen im Spreepark auch Vandalismus mit sich, welcher viele Motive für immer zerstörte. Oft kommt dann auch der Verkauf von Liegenschaften hinzu. Die darauf folgende Privatisierung und damit verbundene Renovierung rettet zwar das Objekt und sorgt für deren Erhalt, aber damit wird dieser gerettete Platz für uns Fotografen meist uninteressant und unerreichbar.

Lost Places sind oft gar nicht so verloren

Nicht immer bedeuten geordnete Eigentumsverhältnisse, dass Lost Places verschwinden müssen. Beispielsweise sei hierfür die Energiefabrik Knappenrode genannt. Dieses riesige Gelände in der Nähe von Hoyerswerda, auf dem bis 1993 Braunkohleabbau betrieben wurde und der Brikettherstellung diente, bietet heute als Museum einen umfassenden Einblick in die ursprüngliche Nutzung. Hier sieht vieles noch genau so aus, als ob gerade noch die Kohle abgebaut würde, um in der Fabrik verarbeitet zu werden. Viele Maschinen, vom Abraumbagger über Grubenbahnen bis zu Transportzügen oder der mächtigen Dampfpressen für Briketts, stellen in ihrem ursprünglichen Umfeld tolle Motive dar. Wie auch der Landschaftspark Duisburg sind es keine wirklichen Lost Places, sondern eher montane Erlebnisparks, in denen es noch viele Bildideen der jüngsten Geschichte zu entdecken gilt.

Gerade im Moment werden in vielen Städten die baulichen Nachkriegssünden beseitigt. In Hamburg ist beispielsweise in den Wirtschaftswachstumsjahren, mit der City Nord, eine Bürostadt aus Beton komplett neu entstanden. Heute ist die Art und Weise der damaligen Architektur zu großen Teilen nicht mehr nutzbar, der Beton hat oft schon sein Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten und abreißen ist günstiger als zu sanieren. Für uns eine gute Gelegenheit, einen Lost Place zu fotografieren, bevor Abrissunternehmen Sperrzäune aufstellen. Begehrte Orte sind auch alte Bunkeranlagen. Beispielsweise Hamburg oder Berlin öffnen Einblicke auf Unterwelttouren, die selbst gestandene Fotografen immer noch in Erstaunen versetzen.

Vorbereitung ist die halbe Miete

Auch wenn meist nicht mehr viel zerstört werden kann, sollten wir als Fotografen jeden Ort respektieren und so verlassen, wie wir ihn vorgefunden haben. Sicherlich kann die eine oder andere Requisite neu drapiert werden, aber zerstören ist nicht unsere Mission, wir gönnen ja auch unseren Kollegen tolle Bilder. Speziell wenn man sich in Gruppen bewegt, hilft Rücksichtnahme. Auch wenn sich am Anfang alle um die interessantestes Motive streiten, ist später viel Platz und Raum ohne störende Elemente.

Bevor ich eine neue Location besuche, mache ich mir immer wieder aufs Neue Gedanken über die Ausrüstung. Für Innenaufnahmen ist, egal welche Kamera ich nutze, ein Stativ eine Grundvoraussetzung. Auch wenn ich den ganzen Tag viel Gewicht zu tragen habe, ist meine Pentax 645Z die erste Wahl als Kamera. Kein anderes Kamerasystem gibt den Bildern diesen Look, der ganz nahe an analogen Aufnahmen ist und damit das ganz besondere Flair solcher Locations einfangen kann. Mit einer solchen Kamera kann ich auf der Klaviatur der Schärfentiefe spielen und damit den Fokus auf spezielle Punkte im Motiv legen. Und auch in ganz dunklen Räumen schaffe ich mit Langzeitbelichtungen das gewünschte Ergebnis ohne lästiges Rauschen. Auch wenn Stativ und schwere Kamera am Ende des Tages lästig werden, die Bildqualität entschädigt. Im Vorwege suche ich Informationen zu den Objekten. Nichts ist ärgerlicher als vor Ort feststellen zu müssen, dass für lange Flure eine längere Brennweite ganz gut gewesen wäre, das Objektiv aber trocken zu Hause liegt. Ein Makro-Objektiv ist genau so wichtig wie ein Weitwinkelobjektiv, beides ist unverzichtbar für Innenaufnahmen und die vielen Details. Oft ist in den Objekten schon lange kein elektrischer Strom mehr vorhanden. Eine Taschenlampe ist deshalb oberste Pflicht. Ich benutze eine LEDLenser, die besonders stark strahlt. Dunkle Räume erhalten so mit einer Langzeitbelichtung und gezieltem Anleuchten spezieller Motivteile eine ganz besondere Wirkung. Aber auch gleichmäßiges Schwenken der Lampe ist ein probates Mittel, bei entsprechend langer Belichtung eine gleichmäßige Ausleuchtung zu erhalten. Außerdem befindet sich in meiner Tasche eine LED-Flächenleuchte von Manfrotto, die mit vielen kleinen LEDs ein gleichmäßiges Licht auch für größere Räume bietet. Neben ausreichend Speicherkapazität darf Energie für Licht und Kamera nicht fehlen Solche Exkursionen unternehme ich nie alleine, denn die verlorenen Orte sind oft nicht in bestem Zustand und zu zweit ist es immer sicherer. Außerdem empfehle ich festes Schuhwerk und entsprechend unempfindliche Bekleidung und auch eine Mütze sollten eine Selbstverständlichkeit sein. Da es, wie schon erwähnt, nicht immer klinisch rein zugeht, empfehle ich unter bestimmten Bedingungen eine Mundmaske gegen Schimmelsporen und ganz unbedingt Handschuhe. Hier nutze ich Modelle aus dem Baumarkt, die mir Freiheit bei der Bedienung ermöglichen, aber gleichzeitig vor Schmutz schützen – denn Lost Places sind eben doch keine Museen, bei denen der Boden regelmäßig gebohnert wird.

2018-04-05T14:53:27+00:00 29. März 2018|Categories: News, Tutorials|Tags: , , , , |