Eine Straße in der Innenstadt, ein grauer Tag, wenige Passanten. Es könnte so gewöhnlich sein – würden da nicht die Gebäude schwanken. Merten Kunischs Welt kommt uns bekannt vor – und dann wiederum verstörend fremd. Wir haben mit dem „Bildakrobaten“ gesprochen.

 von Jamari Lior

© Fotos Merten Kunisch

Keine quietschbunten Welten voller Fantasiefiguren, keine Märchengestalten, keine skurrilen Kostüme – wir befinden uns bei Merten Kunischs Werken in einer Welt, die wir durchaus kennen. Einerseits. Andererseits verfremden seine Bearbeitungen dann auch wieder alles und lassen es seltsam erscheinen.

Die Fußgängerzone einer Kleinstadt, wie sie im Buche steht – fast …

Wo finden Sie Inspiration für diese verrückten Werke? Haben Sie da einen Tipp für unsere Leser?

Ich gehe raus und beobachte die Welt mit offenen Augen. Manchmal sind es Dinge, die Menschen aktuell beschäftigen. Manchmal ist es ein Hauch von Satire, Sarkasmus oder Kritik, den ich mit meinen Bildern vermittle.

Hinschauen – für den Fotografen das Gelbe vom Ei.

 

Können Sie anhand eines Bildes beschreiben, wie der Inspirations- und Bildentstehungsprozess gelaufen ist?

Betrachten wir das Bild vom „Hochkantfußballplatz“: Ich sehe einen Fußballplatz und stelle mir die Frage, wie es wohl aussehen würde, wenn man den Platz, der sich dadurch definiert, dass er flach ist, ausgraben und hochkant hinstellen würde.

Das klingt einfach, aber genau so mache ich das meistens. Ich stelle mir einfach vor, wie manche Dinge anders aussehen würden. Ein besonderer Reiz für mich besteht dann darin, zu klären, ob man das realisieren kann. Bei mir gibt es keine Skizzen oder Pläne. Ich arbeite nur die fertige Idee aus dem Kopf ab.

Wie wäre es, den Fußballplatz aufzustellen?!

 

Ist erst die Idee da und dann das Bild oder kommen die Ideen bei der Sichtung von Fotos?

Meistens ist die Idee da und ich suche dann in meinen Fotos oder freien Bilddatenbanken nach genau dem Objekt, das ich zur Umsetzung brauche. Winkel, Licht und Perspektive müssen da genau passen. Den Rest fotografiere ich dann neu.

Wieviel Zeit brauchen Sie in der Bearbeitung und welche Programme nutzen Sie?

Meistens benötige ich zwischen einer und vier Stunden für eine Montage – je nach Aufwand und Anzahl der Elemente. In den meisten Fällen geschieht alles mit Adobe Photoshop.

Das Kind muss noch einen Moment warten, bis die Straße fertig ausgerollt ist.

Anders als bei vielen Bearbeitungskünstlern wirken Ihre Fotos auf den ersten Blick so „normal“ – es sind Szenarien, die man aus dem Alltag kennt, keine spektakulären Orte, selten außergewöhnliche Lichtsituationen, keine krassen Kostüme. Warum reizt es Sie, im Normalen das Skurrile zu finden? Welche Botschaft verbinden Sie mit Ihren Fotos?

Ich erstelle durchaus auch mal die knalligen, bunten Zauberwelten – die typischen „Composings“. Da erkennt man auf den ersten Blick, dass es sich um reine Fantasiewelten handelt. Das sieht man aber mittlerweile oft und ich möchte die Dinge gerne anders machen. Die meisten meiner Bilder sind spontane Montagen, für die ich auch einfach mal in der Stadt nur das Handy zücke und das Foto als Basis nutze.

Natürlich verstecke ich auch Botschaften in den Bildern, meistens als „Wink mit dem Zaunpfahl“, oder ich schreibe kleine Texte dazu. Wenn ich generell eine Botschaft vermitteln möchte, dann vielleicht die, dass jeder von uns heute den ganzen Tag mit manipulierten Medieninhalten bombardiert wird. Man verlernt dabei irgendwann, das Ganze kritisch zu hinterfragen. Lügen sind im Trend und offenbar gesellschaftlich akzeptiert. Das halte ich für gefährlich. Bei meinen Bildern passiert es auch hin und wieder, dass ich in den Kommentaren dazu lese, dass manche Leser die Szenen für echt halten. Das mag einen dann amüsieren – zeigt aber, dass selbst die plakativsten und dreistesten Montagen manchmal geglaubt werden.

Sind Sie gut im Einparken? Mit diesen Gefährten könnte es klappen …

Was ist Ihr Lieblingsbild und warum?

Mein Favourit ist das Schiff auf dem Lemgoer Marktplatz. Das Bild entstand aus einer blöden Situation, ist schlecht bearbeitet und hat doch mein Leben verändert. Ich saß mit einem Trümmerbruch in der Hand frustriert zu Hause und ärgerte mich über die Verbreiterung der Bega. Das ist ein kleiner Fluss, der durch Lemgo fließt. Mit Sarkasmus habe ich dann gedacht: Wenn ihr den so breit macht, passt bestimmt auch ein richtiger Dampfer durch. Das Schiff habe ich dann direkt bis zum Marktplatz und Rathaus fahren lassen. In den Tagen danach haben sich alle örtlichen Medien gemeldet, im Nachgang ist es durch über 50 Länder viral geschippert und ich habe dadurch viel zu tun.

Ein politischer Kommentar zur Verbreiterung eines Flusses.

Was ist die skurrilste Begebenheit im Kontext Ihrer Fotos?

Es gibt schon merkwürdige Kundenwünsche. Eine Sache bleibt mir auch ewig im Kopf: Eine ältere Dame kam zu mir und erzählte, dass sie und ihr Mann ein Visum für Indien bräuchten. Ich sollte ein biometrisches Passbild für ihren ortsabwesenden Mann erstellen. Wie man weiß, müssen biometrische Bilder frontal sein, keine Mimik, weißer Hintergrund und für Indien offensichtlich auch brillenlos. Ich habe dann aus einem Urlaubsbild am Strand mit grauenhafter Auflösung genau das umgesetzt. Der Mann wurde freigestellt, die Brille entfernt und alles etwas angepasst. Am Ende gab es dafür tatsächlich ein Visum. Das hat mich nachdenklich gemacht.

Die Ente als gehorsamer Staatsbürger: Weit und breit gähnende Leere, aber wenn die Ampel Rot zeigt, hat man stehenzubleiben.

Was sind Ihre nächsten fotografischen Pläne/Projekte?

Ich suche Projekte, die mich fordern. Für dieses Jahr habe ich mir vorgenommen, mehr Filmprojekte dazuzunehmen. Hierbei werden allerdings auch Kameraführung und Schnitt eher ungewöhnlich ausgelebt.

www.bildakrobat.de