Bildkritik: DIE GLÄSERNE UHR

Fotografieren und Shopping – das klingt nach einer angenehmen Kombination, so unternommen in einem Dubliner Einkaufszentrum, wo bunte Fahnen auf eine gläserne Uhr treffen.

Bunt trifft Glas – das Ausgangsbild.

Bunt trifft Glas – das Ausgangsbild.

BILDAUFBAU
Das Bild ist durch einen sehr mittigen Aufbau gekennzeichnet, dabei wurde aber keine exakte Zentralperspektive erzielt – hierfür hätte der Fotograf sich deutlich höher befinden müssen. So ergibt sich ein helles Dreieck, das vom oberen Bildrand bis zum unteren Bilddrittel reicht. Dies verleiht dem Bild mehr Dynamik als ein exakt zentralperspektivischer Aufbau. In jedem Fall würde ich das Bild aber „geraderücken“, das heißt drehen und transformieren. Aufgrund der Farbigkeit gibt es genug Unruhe im Bild, so dass diese unbeabsichtigt wirkenden Ungenauigkeiten der Linienführung behoben werden sollten.

FARBEN
Die Farbgestaltung zeichnet sich durch eine Besonderheit aus: Die Ränder mit den großen Fahnen sind sehr bunt, das eigentlich wichtige Bildelement, die gläserne Uhr, tritt durch ihre sehr geringe Farbsättigung und ihren geringen Kontrast stark in den Hintergrund. Der daraus resultierende Akzent im Randbereich verleiht dem Bild eine gewisse Spannung. Verstärkt wird dies noch durch die in sich geschlossenen, unterschiedlichen Bilder auf den Fahnen. Der Blick wandert vom Geigenspieler rechts zum blauen Haus links, bleibt dann kurz an der Uhr hängen – und die nächste bunte Fahne wird betrachtet.

EIN KANDIDAT FÜR SCHWARZ-WEISS?
Mein erster Gedanke war genau das: Um der Uhr mehr Gewicht zu verleihen, sollte das Bild völlig entsättigt und der Kontrast im Bereich der Uhr mehr herausgearbeitet werden. Allerdings geht so viel Charme der Location verloren, das sanfte Blau, das durch die filigrane Dachkonstruktion schimmert und dem Bild etwas Pastelliges verleiht und die goldenen Zeiger der Uhr fielen der Schwarz-Weiß-Konvertierung zum Opfer.

Konvertiert in Schwarz-Weiß, die Bildmitte kontrastreicher gestaltet:

Konvertiert in Schwarz-Weiß, die Bildmitte kontrastreicher gestaltet:

BILDAUSSAGE
Welche Variante Ihnen zusagt, wird sicher auch durch die Bildaussage bestimmt. Die „gläserne Zeit“ ist das bildwichtige Element: Diese Uhr präsentiert das Phänomen Zeit als filigran, fast schon dezent in den Hintergrund tretend, aber dennoch als groß und zentral. Diese Botschaft bleibt auch bei den kleineren Ausschnitten einigermaßen präsent. Allerdings hat es auch seinen Reiz, die Zeit mit dem irdischen, bunten Vergnügen, dem Shoppingcenter in Verbindung zu bringen. Hierfür braucht es den großen Bildausschnitt: Unten das Farbenfrohe, durch die künstlerisch gestalteten Fahnen das Kreative und Individuelle – zum Ausdruck gebracht vor allem durch die schräge Linie des Geigenspielers – oben das Absolute, streng Geometrische, welches zwar omnipräsent ist, aber nicht immer im Zentrum unseres Blicks liegt. Es scheint in seiner Form einen Keil in die bunte Welt zu treiben, und doch ist es sanft in seiner Farbe und auch die runde Form der Uhr spricht gegen drastische Schlüsse, gegen einen unvereinbaren Kontrast. Das Leben und die Zeit bilden eine Einheit.

Für diese Variante wurde das Ausgangsbild transformiert und leicht gedreht, die unteren Bildbereiche wurden etwas aufgehellt und die Uhr erhielt mehr Kontrast.

Für diese Variante wurde das Ausgangsbild transformiert und leicht gedreht, die unteren Bildbereiche wurden etwas aufgehellt und die Uhr erhielt mehr Kontrast.

2018-04-19T13:13:14+00:0019. April 2018|Kategorien: Bildkritik, News|Tags: , , |

Hinterlassen Sie einen Kommentar