von Benjamin Lemm

© Fotos von Klaus Lenzen

Klaus Lenzen konzentriert sich auf das Wesentliche. Mit seinen minimalistischen Kunstwerken zeigt er einmal mehr, dass es beim Fotografieren nicht unbedingt auf die technische Ausrüstung ankommt.

Wenn man ganz unbedarft durch Instagram scrollt und plötzlich auf eines der Bilder von Klaus Lenzen stößt, bleibt man unweigerlich hängen. Denn seine Werke stechen aus der Masse hervor, sind erfrischend anders und bleiben im Gedächtnis – auch deshalb, weil man oft mehr als nur einmal hingucken muss, um das Gesehene zu verarbeiten. Der Ratinger hat es geschafft, einen ganz eigenen Stil zu entwickeln, wie man ihn sonst selten sieht. Dabei war Fotografieren nicht immer seine große Leidenschaft. „In meinem ersten Leben war ich Läufer“, scherzt der mittlerweile 67-Jährige. Er trainierte für Marathons und andere Langstreckenläufe, leitete eine eigene Marathon-Gruppe. In diesem Zusammenhang machte er bei Trainingsläufen auch seine ersten Fotos. Doch nach einer Verletzung war Schluss. „Der passionierte Läufer kann ja dann nicht einfach aufhören, sich zu bewegen. Also habe ich mich auf das Fahrrad geschwungen und bin mit meiner Kamera durch die Gegend geradelt.“

Jeden Tag ein Foto

Als 2011 in Düsseldorf der Eurovision Song Contest stattfand, nahm Lenzen an dem dazugehörigen Fotowettbewerb teil – und wurde prompt Zweiter. 2014 dann begann er mit der Jeden-Tag-ein-Foto-Challenge, die ihn bis heute begleitet: Seitdem fährt Klaus Lenzen jeden Tag raus, auf der Jagd nach seinem „Foto des Tages“. Die Serie ist ungebrochen; das Ergebnis sind Tausende von Bildern, von denen viele bei verschiedenen Wettbewerben erfolgreich waren. Seine Bilder seien aus technischer Sicht nicht brilliant, wie er selbst sagt – aber das müssen sie auch nicht. Im Gegenteil: Immer wieder bearbeitet er seine Aufnahmen nachträglich mit Graufiltern und Rauscheffekten, um ihnen seinen eigenen, unverkennbaren Look zu verleihen. „Ich wollte einen gewissen Wiedererkennungseffekt erzielen, nach dem Motto: Das kann eigentlich nur vom Lenzen sein. Der Vorteil ist auch, dass man bei Fotowettbewerben möglicherweise auffällt. Weil die Bilder eben ein bisschen anders sind.“ Er fotografiere aber nicht, um damit bei Wettbewerben zu gewinnen oder andere zu beeindrucken, sondern aus der Freude am Prozess an sich. Und so ist es Klaus Lenzen im Laufe der Jahre gelungen, seine ganz eigene fotografische Handschrift zu kreieren. Seine Bilder sind meist sehr minimalistisch, auf einzelne Aspekte oder Formen reduziert. Architektur, Alltagsgegenstände, Sportveranstaltungen – seine Motive sind divers. Viele der Aufnahmen sind schwarz-weiß, den Bildausschnitt wählt er oft quadratisch. „Ich habe dann nach und nach festgestellt, was mir liegt und was nicht. Landschaftsfotografie, Tiere oder Porträts waren von Anfang an nicht so meins. Irgendwann bin ich bei den minimalistischen Aufnahmen gelandet und habe gemerkt: Das ist genau mein Ding.“

International erfolgreich

Als seine Vorbilder nennt er unter anderem Bernd und Hilla Becher, die seine Architekturfotografie inspirieren. Außerdem spricht er immer wieder von Andreas Gursky, dessen Werke bei Lenzen einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben. Wie Gursky komponiert Lenzen immer wieder größere Bilder aus vielen einzelnen Fotos. So auch das Bild „Every Breath you take“, mit dem er 2018 das erste Mal beim Sony World Photography Award gewann. „Das war schon damals ein Once-in-a-Lifetime-Moment für mich“, beschreibt er die Preisverleihung in London. „Dass ich dort ein zweites Mal gewinnen würde, hätte ich nicht zu Träumen gewagt“, so Lenzen, der seinen Erfolg in diesem Jahr mit seinem Foto „The Blue Window“ wiederholen konnte.

Aus Liebe zum Prozess

Bevor Lenzen in Rente ging, machte er seine Bilder auf dem Weg zur Arbeit oder in der Mittagspause, in der Bahn, am Bahnhof oder am Straßenrand. Heute fährt er bei Wind und Wetter mit dem Rad durch Düsseldorf und Umgebung, jeden Tag, zwei bis drei Stunden, manchmal länger. Hin und wieder zieht es ihn auch in andere Städte in der Umgebung. Seine Bilder sind dabei, wie er selbst sagt, meist nicht geplant, sondern entstehen zufällig, aus der Situation heraus. „Manchmal finde ich mein Bild des Tages sofort, dann wiederum dauert es den ganzen Tag, bis ich etwas Brauchbares produziert habe. Aber am Ende kommt immer etwas dabei rum“, beschreibt Lenzen seinen Prozess. Dabei agiert er fast ausschließlich im Automatik-Modus. Die Ausrüstung ist für ihn nicht wichtig: Er besitze keine unfassbar teuren Kameras oder eine große Objektivsammlung; viel wichtiger sei ein gutes Auge und möglicherweise eine kleine Portion Talent, so Lenzen. Für sein Projekt nutzt er immer die gleiche Brennweite, ein 25 mm Objektiv. Zwar habe er auch immer eine zweite Kamera mit variabler Brennweite dabei; die Bilder, die mit dieser entstehen, verwendet er aber ausschließlich für andere Projekte, sie landen nicht in seiner täglichen Galerie.

„Das Bild zeigt die Aussicht auf ein Neubaugebiet in Düsseldorf. Ich muss gestehen, dass ich den Bewohner, der den Ausblick genießt, erst später entdeckt habe.“ Lumix DMC GH-3, 47 mm, f/5.6, 1/800 s, ISO 200.

Intuitives Zeitzeugnis

Er verlasse sich beim Fotografieren vor allem auf sein Bauchgefühl. „Ich kann meine Bilder schlecht erklären. Man muss einfach schauen, was einem am besten gefällt und es dann umsetzen. Wenn du dich in deiner Fotografie nicht wiederfindest, hat es keinen Sinn.“ Gleichzeitig fungieren seine Aufnahmen als eine Art elektronisches Tagebuch. So hat jedes Bild eine ganz eigene Geschichte und ruft in dem Fotograf entsprechende Erinnerungen hervor. Auch halten seine Fotos bald Vergangenes fest: Objekte oder Gebäude, die einige Zeit später so nicht mehr existieren. „Manchmal bereue ich es, dass ich nicht viel früher mit der Fotografie angefangen habe. Es gibt so viele Dinge, die ich hätte festhalten können und die inzwischen nicht mehr sind“, blickt er auf die vergangenen zehn Jahre zurück.

Was die Zukunft bringt

Für 2020 war eigentlich seine erste eigene Ausstellung im Düsseldorfer Oberlandesgericht geplant gewesen. Die Pandemie verhinderte dies zunächst; in der Zukunft will Klaus Lenzen diesen Traum allerdings auf jeden Fall in die Tat umsetzen. Ansonsten hat er vor allem ein Ziel: „Heute mache ich Bild 2652 und morgen Bild 2653. Ich bin schon gespannt, was ich wieder alles fotografiert haben werde, wenn ich in einem Jahr zurückschaue.“ Sein Motto lautet dabei: „Mein bestes Foto habe ich noch nicht gemacht.“ Das Motto motiviert ihn zugleich, sich nicht zurückzulehnen und auf vergangenen Erfolgen auszuruhen, sondern weiter an seiner Kunst zu arbeiten und sich selbst immer neu herauszufordern.

Klaus Lenzen

Klaus Lenzen ist der Gewinner des offenen Wettbewerbes beim Sony World Photography Award 2021 in der Kategorie Architektur. Mehr zu ihm finden Sie auf seiner Website unter www.klauslenzenphotographie.com