Mein Fotoapperat kann telefonieren

Mit der stetigen Verbesserung unserer Smartphones verändert sich zunehmend auch die Fotografie. Die kleinen und dennoch leistungsstarken Geräte sind mittlerweile für weit mehr als nur „Schnappschüsse“ zu gebrauchen.

 von Maxi Hupp © Fotos von Maxi Hupp

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Die Erfolgsgeschichte der Smartphone-Kamera

Drei bis vier Linsen, optischer Zoom und rund 50 Megapixel – mittlerweile sind viele Smartphones mit unglaublichen Features ausgestattet. Sie bringen einen ernsthaft zu der Überlegung, ob eine „normale Kamera“ (im Alltag) überhaupt noch notwendig ist. Die Technik schreitet rasant voran und damit ändert sich auch der Markt der Fotografie. Im Jahre 2000 brachte Samsung das erste Handy-Modell mit Kamera heraus – damals mit 0,35 Megapixeln. Gut 20 Jahre später sind Modelle mit rund 50 MP keine Seltenheit mehr. Darüber hinaus hat sich aber noch viel mehr verändert: Der anfänglich schlecht zu gebrauchende digitale Zoom wird mehr und mehr durch eine optische Variante ersetzt, welche die Hersteller über den Verbau von mehreren Linsen realisieren. Dies ist vergleichbar mit einem klassischen Zoom-Objektiv für normale Kameras, bei dem sich durch das Drehen am Objektiv der Abstand der Linse zum Sensor ändert. Ein weiterer entscheidender Punkt, der für den Smartphone-Foto-Boom sorgt, ist der Einsatz von interner Software-Verarbeitung (durch Künstliche Intelligenz & maschinelles Lernen). Diese Technik ermöglicht, dass das Smartphone beispielsweise Personen erkennt und diese vollautomatisch freistellt oder von sich aus diverse Bildverbesserungen anwendet.

Der entscheidende Vorteil an der Smartphone-Kamera ist aber wohl, dass man sie so gut wie immer parat hat. Selten geht man heutzutage noch ohne sein Handy aus dem Haus und so ist „der Fotoapparat“ stets in der Tasche dabei. Für viele alltägliche Situationen sind die Features sowie die Bildergebnisse dabei wohl auch vollkommen ausreichend.

Darauf kommt es beim Smartphone-Kauf an

Es drängt sich also zwangsläufig die Frage auf, welches Smartphone man sich zulegen und worauf man beim Kauf besonders achten sollte. Das ist so allgemein natürlich schwer zu beantworten und hauptsächlich davon abhänig, was man primär ablichten möchte. Will man vor allem im Urlaub und auf Reisen fotografieren, ist ein Gerät mit einem optischen Zoom auf jeden Fall von großem Vorteil. Weit entfernte Objekte können auch ohne Qualitätsverlust vergrößert aufgenommen werden. Weiter ist das Rauschverhalten in Low-Light-Situationen entscheidend – hier sollte das Smartphone auch bei wenig Licht noch verhältnismäßig rauscharme Bildergebnisse liefern.

Dabei muss es aber nicht zwangsläufig das Top-Modell der großen Hersteller sein. Mittlerweile sind in den meisten modernen Smartphones gute Kamerasysteme verbaut, mit denen auch ambitionierte Hobbyfotografen durchaus ihren Spaß haben werden.

Ein typischer Workflow

Unterscheidet sich ein typischer Workflow mit dem Smartphone großartig davon, wie man ihn als Hobbyfotograf beim Fotografieren mit einer „großen Kamera“ gewohnt ist? Ja und nein. Grundsätzlich gliedert sich der Prozess auch in zwei Bereiche: Fotoerstellung und Nachbearbeitung. Ich möchte an dieser Stelle die App „Lightroom mobile“ von Adobe empfehlen. Diese kann sowohl für IOS als auch für Android kostenfrei bezogen werden. Die App stellt sozusagen den Rahmen des gesamten Workflows und bietet dem Fotografen einige wichtige Vorteile gegenüber den meisten integrierten Kamera-Apps.

Aktive Gestaltung bei Bilderstellung

Beginnen wir beim Fotografieren: Lightroom mobile hat ein eigenes „Kamera-Modul“, mit dem Bilder direkt in der App aufgenommen werden können. Hier kann zum einen ein Automatikmodus verwendet werden, wie man ihn von der normalen Kamera-Anwendung kennt. Darüber hinaus lässt sich aber der sogenannte „Pro-Modus“ nutzen. Dieser lässt ein gezieltes Einstellen einiger Grundparameter zu. So kann der Fotograf relevante Werte wie ISO und Verschlusszeit manuell einstellen, wie er es etwa von einer DSLR oder Kompaktkamera gewohnt ist. Hier zeichnet sich also bereits der erste große Unterschied zur Verwendung der normalen Kamera-App ab: Der Fotograf kann aktiv in die Bilderstellung eingreifen und aus gestalterischer Sicht gezielt arbeiten.

Eine weitere hilfreiche Einstellmöglichkeit bietet der „Fokus-Modus“, bei dem man den scharfen Bereich nach Belieben „von vorne nach hinten“ verschieben kann. Dieser scharfe Bereichwird optisch durch eine grüne Färbung angezeigt. Das macht es für den Fotografen noch leichter. Weiter können Weißabgleich und Belichtungskorrektur manuell gesetzt werden.

RAW-Format bei Smartphone-Fotografie

Der wohl größte Vorteil liegt aber in den erweiterten Einstellungen des Kamera-Modus: der Verwendung des RAW-Formats. Lightroom mobile bietet dem Fotografen die Wahl zwischen dem normalen JPG-Format und dem unkomprimierten RAW-Format. Ambitionierten Fotografen sollte die Entscheidung nicht schwerfallen. Gerade im Bezug auf die darauf folgende Bearbeitung bietet das RAW-Format deutlich mehr Möglichkeiten. So sind in diesem Format mehr Details und Bildinformationen gespeichert, die in der „Post“ ausgereizt werden können.

An dieser Stelle sei noch erwähnt, dass es darüber hinaus auch noch einen Modus für das Erstellen von HDR-Aufnahmen gibt, auf den ich hier aber nicht weiter eingehen werde.

Nachbearbeitung in der App

Der zweite und mindestens genauso bedeutende Schritt ist die Nachbearbeitung der erstellten Fotos. Auch das passiert direkt in der Lightroom mobile App. Dem Fotografen wird neben den gängigen Einstellungen wie Belichtung, Farbe und Details auch die Möglichkeit für selektive Bearbeitungen sowie Bildkorrekturen gegeben. Der Funktionsumfang unterscheidet sich kaum von der Desktop-Variante. Das unterstreicht, wie mächtig diese App ist.

So können die – optimalerweise im RAW-Format – aufgenommenen Fotos direkt unkompliziert und schnell am Smartphone nachbearbeitet werden. Mit der Verwendung von Presets – also gespeicherten Bildlooks – geht das sogar noch viel einfacher: Foto erstellen, Preset anwenden, partiell anpassen und fertig. Effizienter und zeitsparender kann Fotografie heutzutage eigentlich kaum noch sein.

Export und Speichermöglichkeiten

Ist die Bearbeitung abgeschlossen, können die Bilder direkt auf dem Handy exportiert und gespeichert werden. Außerdem bietet Adobe die Möglichkeit, die Fotos mit der Desktop-Varianten (Achtung:kostenpflichtig) zu synchronisieren. So kann man später auch vom PC oder Laptop auf die Bilder zugreifen und bei Bedarf am großen Bildschirm an das Feintuning gehen.

Die Vorteile auf einen Blick

1. Klein, leicht und kompakt
Gerade auf Reisen sind das geringe Gewicht und das Handling von großem Vorteil.
2. Immer dabei und griffbereit
Das Smartphone ist heutzutage sowieso fast immer in der (Hosen-)Tasche dabei und somit auch fast immer einsatzbereit.
3. Günstige Alternative
Im Vergleich zu großen Kameras ist ein Handy mit guter Kamera recht erschwinglich – gerade wenn man bedenkt, was es sonst noch alles kann.

Die Nachteile auf einen Blick

1. Handling
Muss man – etwa als Berufsfotograf – den ganzen Tag mit der Kamera arbeiten, ist ein Smartphone alleine von der Handhabung ungeeignet.
2. Rauschverhalten
In Sachen Rauschverhalten bei schlechten Lichtverhältnissen liegen Spiegelreflexkameras beziehungsweise spiegellose Systemkameras meist noch weit vorne.
3. Nicht erweiterbar
Zwar gibt es auch für Smartphones „Objektive“ zum Anstecken oder Ähnliches, aber das klassische Tauschen eines Objektivs, wie wir es zum Beispiel bei einer DSLR kennen, ist hier nicht möglich.
4. Schlechterer Autofokus
Gerade in schlechten Lichtsituationen funktioniert der Autofokus nicht so zuverlässig, wie man es von einer modernen DSLR oder Systemkamera gewohnt ist und erwartet.
5. Geschwindigkeitsdefizit
Die Serienbildgeschwindigkeit von Smartphones ist bei weitem noch nicht auf dem Level einer professionellen Kamera. Für die meisten Situationen wird das aber dennoch ausreichen.
6. Spaßfaktor
Das „klassische“ Fotografieren mit einer großen Kamera bietet wohl doch immer noch einen größeren Spaßfaktor als die Verwendung des Handys. Der Stellenwert beispielsweise einer Fotoreise ist ein ganz anderer, wenn man mit „richtigem“ Kamera-Equipment loszieht.

Fünf hilfreiche Tipps

Tipp 1: RAW-Format verwenden
Egal ob die native Kamera-App es unterstützt oder ob zusätzliche Apps wie Lightroom mobile nötig sind – die Verwendung des RAW-Formats ist Pflicht für einen ambitionierten Fotografen.
Tipp 2: Gitterlinien nutzen
Bei den meisten Smartphones lassen sich auf Wunsch Gitterlinien einblenden. Diese sind nützlich, um auf Gestaltungsprinzipien wie zum Beispiel den goldenen Schnitt zu achten.
Tipp 3: Auf Digital-Zoom verzichten
Anstatt den digitalen Zoom zu verwenden, der zwangsläufig mit einer Verschlechterung der Bildqualität einhergeht, sollte man entweder auf den optischen Zoom durch mehrere Linsen setzen oder sich dem Objekt – wenn möglich – lieber etwas nähern.
Tipp 4: Ein kleines Handy-Stativ nutzen
Mittlerweile gibt es eine Reihe an Stativen, die extra für Smartphones konzipiert sind. Diese sind klein, leicht und sorgen dennoch für Stabilität. Ideal also für Reisen.
Tipp 5: Externe Apps
Seien Sie neugierig und machen Sie sich regelmäßig über neue Fotografie-Apps schlau. Über das erwähnte Lightroom mobile hinaus gibt es natürlich viele weitere Anwendungen, die das Fotografieren mit dem Handy erleichtern.

System- oder Kompaktkamera – ein Konkurrent?

Der ein oder andere Leser wird nun völlig zu Recht fragen: „Was ist mit modernen Kompaktkameras? Diese sind ebenfalls klein, leicht und easy zu transportieren.“ Zwar hat das Smartphone gegenüber einer großen Kamera, etwa einer DSLR, sicherlich die Nase in puncto Kompaktheit vorne. Eine moderne Kompaktkamera steht den Maßen eines Handys aber eigentlich nicht sehr viel nach und bietet darüber hinaus eine professionelle Bildqualität. Dennoch wird die Kompaktkamera immer mehr von den Foto-Handys verdrängt. Kürzlich hat Sony nun auch das weltweit erste Smartphone mit einem Ein-Zoll-Sensor – dem einer Kompaktkamera – veröffentlicht. Die Tendenz, wohin es also zukünftig gehen wird, ist klar erkennbar. Trotzdem sollte man unserer Meinung nach aber eine gedankliche Trennung ziehen: Auch eine kleine Kompaktkamera ist eine zusätzliche Anschaffung. Das Smartphone besitzen wir in den allermeisten Fällen sowieso schon. Dieses würden wir also an dieser Stelle in die Kategorie „Standard-Equipment“ einreihen. Darüber hinaus ist die Kompakt- oder Systemkamera ein weiterer Schritt in Richtung der ambitionierten Fotografie.

Es sei ehrlicherweise auch noch erwähnt, dass ein Smartphone in einigen Punkten, wie etwa Schnelligkeit und Treffsicherheit des Autofokusses sowie etwa der Serienbildgeschwindigkeit, noch nicht mit einer professionellen Kamera mithalten kann. Trotzdem kann man gespannt in die Zukunft blicken, mit was uns die innovativen Hersteller zukünftig überraschen werden.

Aus der Praxis: Unterwegs im hohen Norden

Vor zwei Jahren war ich für gut sechs Wochen auf einem Roadtrip in Norwegen und Schweden unterwegs. Zwei Spiegelreflexkameras, mehrere Wechselobjektive, Gopro, Drohne – alles mit dabei. Und dennoch habe ich viele, viele Fotos „nur“ mit dem Smartphone erstellt. Das beste Beispiel waren die Ausflüge in die großen Städte, wie Trondheim oder Bergen. Hier ließ ich die schwere und unhandliche DSLR gerne im Van. Das Smartphone aber war natürlich stets mit dabei und diente mir als „Stadt-Kamera“. Handy zücken, Belichtung checken, ausrichten, abdrücken und eine Stunde später beim Mittagessen das Foto direkt bearbeiten und auf Social Media hochladen. Unkompliziert und easy.

Für den Trip hatte ich mir ein Set an Presets in Lightroom mobile angelegt, mit denen ich die Fotos dann in einem einheitlichen Stil zügig bearbeiten konnte. So konnte ich die Bilder direkt vom Handy auf meinen Social Media-Kanälen posten sowie für meinen Blog verwenden.

Bedenken, dass mir irgendwann zuhause beim Drucken beispielsweise Bildqualität fehlen sollte, hatte ich eigentlich nicht. Die Auflösung und das Bildergebnis meines damaligen iPhone 7s waren selbst für ein Fotobuch im A4-Format ausreichend, was mir allemal genügt. Für die großen Leinwände verwendete ich dann aber zugegebenermaßen auch eher die Fotos der hochauflösenden DSLR.

Fazit

Die immer besser werdenden Smartphones bringen viele Vorteile mit sich und können in bestimmten Situationen als gute Alternative zu großen und schweren Kameras gesehen werden. Sicherlich können und werden sie hochwertige Apparate in der professionellen Fotografie nicht ersetzen – aber das müssen sie auch nicht zwangsläufig. Sofern man also weiß, wie man die modernen Handys richtig einsetzt, lassen sich damit wirklich schöne und hochwertige Fotos erstellen, die in vielen Situationen durchaus ausreichend sind. Warten wir ab, wie sich der Markt entwickelt und auf welche Highlights wir uns in den nächsten Jahren freuen dürfen.