Mehr Dramatik wollte Christoph Kummer in seinen Fotos, mehr Surreales, ohne viel zu manipulieren. Die Idee: Infrarotfotografie.

von Jamari Lior

© Fotos Christoph Kummer

Landschaften sind das fotografische Terrain von Christoph Kummer – aber auf eine ganz besondere Art und Weise festgehalten: in Infrarot (IR). Wir haben mit dem jungen schweizerischen Fotografen gesprochen.

Wie kamst Du zur Infrarotfotografie?

Ich wollte mehr Dramatik und Opulenz in meinen Fotos. Ich wollte etwas Traumhaftes, Surreales erschaffen, ohne die Fotos zu manipulieren oder viel Zeit in die Nachbearbeitung zu investieren. Irgendwann, es war wohl 2013 oder 2014, stieß ich auf die Arbeiten von Richard Mosse, einem irischen Fotografen, der Falschfarbeninfrarot-Film einsetzte, um den Bürgerkrieg im Kongo zu dokumentieren. Mich faszinierte das, und so kaufte ich bald übers Internet meine erste für die Infrarotfotografie umgebaute Kamera. Es war eine Nikon D70. Sie nahm ich mit auf meine Wanderungen in den Schweizer Bergen. So entstand dieses Projekt. Ich nenne es Hidden Realms, weil ich eher unbekannte Regionen zeige. Und es sind ja tatsächlich verborgene Welten, weil Infrarotstrahlung für das menschliche Auge unsichtbar ist.

Was reizt Dich daran?

Mir gefallen die Stimmungen, die diese Fotos erzeugen. Die Szenerien wirken fremd und irgendwie doch vertraut, wie in einem Traum. Wegen des schwarzen Himmels kann der Betrachter oft nicht direkt feststellen, ob das Bild nun bei Tag oder bei Nacht entstanden ist. Und weil die Wolken derart akzentuiert werden, wirkt der Himmel dicht und nah, ganz anders als bei der Fotografie mit „sichtbarem Licht“. Und es gibt immer wieder Überraschungen, da man oft nicht weiß, wie ein bestimmtes Material auf IR-Strahlung reagiert. Ich war zum Beispiel sehr überrascht, als ich das Foto einer Stockente am Bildschirm betrachtete. Der sonst grünlich-schimmernde Kopf war plötzlich unspektakulär schwarz, während das sonst braune Brustgefieder in leuchtenden Goldtönen herauskam. Man blickt wirklich in eine unbekannte Welt. Es ist diese Aura der Mystik, die die IR-Fotografie umgibt und mich auch nach all diesen Jahren immer noch fasziniert.

 

Welches Equipment braucht man?

Man benötigt Kameras, denen der IR-Sperrfilter entfernt wurde. Dieser Filter dient dazu, ungewollte Strahlungen, die die Bilder farblich verfälschen, vom Sensor fernzuhalten – damit das Foto die Szenerie so zeigt, wie sie der Fotograf gesehen hat. Es gibt verschiedene Anbieter, kleine Unternehmen, aber auch Privatpersonen, die einen Umbau auf IR oder Vollspektrum (empfänglich für UV, sichtbares Licht und IR) oder bereits umgebaute Kameras anbieten. DSLR-Kameras von Sigma lassen sich selbst von Hand innert Sekunden zu einer Vollspektrum-Kamera umrüsten. Die Sigma SD1 ist heute meine Lieblingskamera, neben der Nikon D70. Sie ist auch die einzige, mit der man den Stil des legendären Kodak-Infrarotfilms „Aerochrome“ authentisch reproduzieren kann.

 

Welche Kameraeinstellungen empfiehlst Du?

Bei den Einstellungen gilt eigentlich dasselbe wie bei der normalen Fotografie. Eine hohe Blendenzahl ist aber wegen der Fokusdifferenz zwischen IR und sichtbarem Licht generell empfehlenswert.

Worauf muss man achten?

Anbieter von IR-Kameras bieten heute eine Palette von Umrüstungsmöglichkeiten, die sich insofern unterscheiden, als dass sie mehr oder weniger sichtbares Licht zusätzlich zum IR-Licht passieren lassen. Das wird in einem Nanometer-Wert angegeben. Der klassische digitale IR-Look ist 720 Nanometer und ist durch weiße Bäume und dunkelblaue Himmel gekennzeichnet. IR ist also nicht IR. Wer sich sämtliche Optionen (inklusive UV-Fotografie) offenhalten will, sollte eine Vollspektrum-Option wählen und danach mit Zusatz-Schraubfiltern arbeiten. Ganz wichtig ist die Wahl des richtigen Objektivs. Viele, auch neue Top-Modelle, produzieren hässliche Hotspots, die durch das IR verursacht werden. Zum Glück existieren Listen im Internet, die geeignete Linsen aufführen.

Was eignet sich als Motiv für diese Art der Fotografie und was überhaupt nicht?

Klassische IR-Sujets sind Bäume, da Blätter IR-Licht besonders stark reflektieren. Wolken sind ebenfalls beliebt, da sie durch die Verdunkelung des Himmels im Foto richtig „aufpoppen“. Vieles in der Natur eignet sich, auch Tiere. Je nach IR-Filter kommen etwa bei Vögeln extrem interessante Farbvariationen heraus, die sie in einem völlig neuen Licht erscheinen lassen. Menschen fotografiere ich bei diesem Projekt nicht. Menschliche Haut erscheint im IR-Licht samtig-fahl und die Adern sind besonders gut sichtbar, was den Fotos eine unheimliche Komponente verleiht.

Welche Tipps hast Du für Anfänger?

Ich empfehle Einsteigern, die IR-Fotografie einmal versuchen möchten, eine bereits umgebaute, gebrauchte Kamera auf Ebay zu kaufen, zum Beispiel eine Nikon D70. Die kostet vielleicht um die 100 bis 200 Euro. Wer einen Schritt weiter gehen will, sollte sich einmal auf den Websites der amerikanischen Profi-Umrüster Kolari Vision oder Life Pixel umschauen.

 

Christoph Kummer

Christoph Kummer ist 34 Jahre alt und wohnt in Thun in der Schweiz. Er fotografiert seit seiner Jugend, insbesondere Landschaften und Tiere. Seine Fotos sowie Textbeiträge zu Techniken und Inspirationen erscheinen auf seiner Website www.hiddenrealms.ch.