„Die Idee zu meinem Graz-Fotoprojekt trugich schon länger mit mir herum. Mein Ziel war es, nicht die klassischen Sehenswürdigkeiten abzulichten oder nur Streetfotos zu machen, sondern eine persönliche Sichtweise auf diese Stadt zu entwickeln“, berichtet Bernd Grosseck. Ob ihm dies gelang? Wir haben mit dem Fotografen gesprochen.

von Jamari Lior

© Fotos Bernd Grosseck

Wozu in die Ferne schweifen? Nun, in der Heimatstadt neue Seiten zu entdecken, ist nicht ganz einfach. Besonders, wenn man schon viele Jahr in dieser Stadt zugebracht hat, zur Schule gegangen ist und jetzt hier arbeitet und lebt. Man lernt sie im Laufe der Zeit wie seine Westentasche kennen – und in seiner Westentasche findet man selten etwas Neues, oder etwa doch?

 

Herr Grosseck, die eigene Stadt als Thema zu wählen, das liegt zwar ganz nahe, aber ist doch nicht naheliegend. Wie kamen Sie auf Ihr Fotothema?

Inspiriert zu “meinem” Graz-Fotoprojekt haben mich die großen amerikanischen Fotografen, wie ein Robert Frank, ein William Eggleston oder Fred Herzog und noch einige andere. Der Titel und die Idee des über dreißigjährigen Fotoprojektes von Robert Adams – “The place we live” – trug auch dazu bei. In der Gegenwart sind es ein paar Fotografen, die auf Instagram auf hohem Level Bilder der Stadt posten, in der sie leben, unter anderem London, Berlin, New York …. Und ich wollte ein Fotoprojekt machen, dass keine langen Anreisen erfordert, bei dem man auch einmal zwischendurch ein bis zwei Stunden fotografieren gehen kann. Ein Thema, das mich in meiner ganzen Fotografie begleitet, ist, als “Slow-Traveller” zu fotografieren. Gerade, wenn man einen abwechslungsreichen Alltag hat, sei es durch Beruf oder Familie, sind unsere Tage ja mehr als gefüllt. Oft bleibt nur wenig Zeit zum Fotografieren. Aber manchmal braucht es gar nicht viel, um auch in der näheren Umgebung Motive zu finden, die es wert sind, abgelichtet zu werden. Das gelingt, wenn man als “Slow-Traveller” in der Heimat unterwegs ist und  dem Motto folgt, keine Bilder zu “schießen”, sondern zu “machen” …

So langsam nahm dann das Projekt “urban still life and urban street life“  vor meinem geistigen Auge Konturen an: Ich wollte mein persönliches Porträt von beziehungsweise über Graz schaffen: “Graz is it? It is!”

Graz

Die Altstadt von Graz zählt zum elitären Kreis von rund 900 Weltkulturerbestätten. Die Hauptstadt der Steiermark war 2003 Europas Kulturhauptstadt, ist Unesco City of Design und durch viele Studenten auch eine sehr lebendige Stadt.

Was macht Ihre Graz-Fotos „anders“?

Als Tourist schlendert man immer neugierig durch fremde Städte oder Landschaften, warum sollte man nicht versuchen, auch in der eigenen Stadt einmal losgelöst von Zielen und Absichten neue Seiten zu finden? Mein Ziel ist es, ein bisschen im Stil einer Reportage die Stadt zu fotografieren. Wie lebt man in Graz? Urbanes Leben festzuhalten, urbane Stillleben zu finden, aber auch Sehenswertes aus anderen Blickwinkeln zu betrachten. Es soll ein Mix aus diesen Dingen sein, der aber schlussendlich, wenn eine ausreichende Anzahl an Bildern vorhanden ist, ein geschlossenes Ganzes ergibt. Daher sehe ich es auch als Fotoprojekt und nicht als eine Ansammlung von Einzelbildern aus Graz. Es soll keine dokumentarische Ablichtung der Stadt sein, sondern für mich stehen künstlerische Gesichtspunkte im Vordergrund. Licht/Schatten – also Kontraste – spielen in vielen Bildern für mich eine wichtige Rolle. Ich bemühe mich auch um klare Strukturen und darum, Unnötiges wegzulassen. Gerade das ist oft sehr schwierig, weil häufig störende Elemente vorhanden sind, die eine Bildkomposition, so wie ich sie machen möchte, erschweren. Da tun sich Maler leichter, die dürfen mit einem weißen Zeichenblatt oder einer leeren Leinwand beginnen … :-). Als Fotograf heißt es oft, durch verschiedene Perspektiven beziehungsweise Blickwinkel das Bild “aufzuräumen”, sodass das Motiv, so wie ich es mir vorstelle, schließlich am Display oder Sucher ohne störendes Beiwerk übrigbleibt. Nachbearbeitung spielt für mich eine sehr untergeordnete Rolle. Da ich mit MFT-Kameras arbeite, will ich den Bildausschnitt grundsätzlich schon so in der Kamera haben, wie das fertige Bild ausschauen soll.

Was ist Ihr Rezept für ein gelungenes Urban Picture?

Für das Machen: Neugierig sein und vorurteilsfrei. Ich bin immer wieder überrascht, welche neuen Eindrücke sich ergeben, wenn man zu Fuß in bekanntem Terrain unterwegs ist. Authentizität halte ich für sehr wichtig. Zum Beispiel sind alle meine Bilder nicht inszeniert. Geduld ist auch etwas, das des Öfteren vonnöten ist. In Sekundenbruchteilen kann sich ein toller Ausschnitt ergeben. Wenn die Kamera nicht bereit war, ist das Motiv bereits weg. Ein gelungenes “Urban Picture” ist für mich ein Bild, das authentisch ist, sich auf ein wesentliches Motiv konzentriert und in vielen Fällen den Charakter einer Stadt widerspiegelt. Ein hohes Maß an Kreativität hilft natürlich, Zugänge zum Motiv zu finden, die daraus ein gelungenes Bild machen.

Warum haben Sie sich für Schwarz-Weiß entschieden?

Unsere Welt ist bunt und wir leben in einer Bilderflut, in der das einzelne Foto viel braucht, um sich von der Masse abzuheben und länger als eine Sekunde betrachtet zu werden. Millionen Fotos werden täglich „geschossen“, aber wer schaut sich diese auch langfristig gesehen an? Schwarz-Weiß ist für mich zeitlos und erhöht in vielen Fällen auch die Aufmerksamkeit des Betrachters, weil weniger Ablenkung vorhanden ist. Mit monochromen Bildern stehen auch Linien, Formen und Kontraste mehr im Vordergrund. Danach halte ich bei der Motivsuche immer Ausschau. Da ich Graz auch “anders” sehen möchte, unterstützt mich Schwarz-Weiß meines Erachtens dabei. Es macht mich auch ein wenig wetterunabhängiger, denn durch meinen Job habe ich nicht die Flexibilität, mir immer auszusuchen, wann ich unterwegs sein kann und so muss ich auch das Wetter nehmen, das gerade vorherrscht. Ein anderes habe ich zu dem Zeitpunkt eben nicht zur Verfügung. Aber gerade das macht es auch wieder spannend, weil sich dadurch Motive ergeben können, die man sonst vielleicht übersehen würde.

Wie gehen Sie bei einem typischen City-Walk vor – worauf richten Sie Ihre Aufmerksamkeit? Was ist Ihnen wichtig – typische Sehenswürdigkeiten oder lieber „ab vom Schuss“?

Für meine “City-Walks” nehme ich mir bewusst immer im Vorhinein bestimmte Straßenzüge oder Plätze vor. Mir geistert auch im Kopf herum, Graz einmal in Form von “Straßenporträts” vorzustellen … Ich spaziere dann einmal eine Straße auf der einen Seite hinauf und auf der anderen Seite hinunter. Auch versuche ich, durch dieselbe Straße oder Gasse zumindest zwei-, dreimal zu schlendern – einmal tagsüber, in der Regel an einem Sonntag, und einmal abends, um auch die unterschiedlichen Lichtstimmungen zu sehen und gegebenenfalls einzufangen. Neugierig schaue ich gerne in Hinterhöfe, sollten diese zugänglich sein – eben “wie lebt man in Graz?” – und versuche, auf Details zu achten. Ich habe mir einerseits Straßenzüge vorgenommen, an denen bekannte Sehenswürdigkeiten zu finden sind, aber auch Straßen, durch die ich schon oft durchgefahren, in denen ich aber selten zu Fuß unterwegs gewesen bin. Zusätzlich biege ich dann schon einmal in die eine oder andere Seitengasse ein, sodass ich dann wirklich das Gefühl habe, irgendwo zu sein, wo ich noch nie war. Im Rahmen der Streetfotografie versuche ich, “DSGVO-gerecht“ den Menschen nur als Beiwerk abzulichten und keine Menschen in Situationen zu fotografieren, die ihnen unangenehm sein könnten.

Symmetrie spielt in vielen Fotos eine größere Rolle – empfinden Sie die Stadt als ruhig oder harmonisch?

Graz hat viele Seiten. Graz ist eine Stadt, die durch ihr geschlossenes mittelalterliches Altstadtensemble sehr harmonisch wirkt, aber aufgebrochen wird durch Viertel, die an diese Altstadt anschließen und teilweise sehr multikulturell geprägt sind. Neben “schönen und ruhigen” Wohnvierteln entstehen in letzter Zeit durch zahlreiche Neubauten moderne Abschnitte. Zusätzlich hat Graz einen großen Stadtpark im Herzen der Stadt und naturnahe Bereiche am Stadtrand.

Soviel zu dem, was Graz visuell bietet – nun zur Konzeption der Fotos: Da ich immer wieder nach Linien und Formen Ausschau halte und ein bewusstes Gestaltungskonzept für mich im Vordergrund steht, entstehen viele meiner Fotos nach analytischen Gesichtspunkten. Mich spricht Minimal Art sehr an. In meiner Fotografie gibt mir ein minimalistischer Zugang bei der Komposition Orientierung, aber ich setze sie nicht in ausgeprägtester Form um. Ein Credo von mir ist es, „rund um das Motiv“ zu wandern, um im Sinne von Achtsamkeit im “Hier und Jetzt” zu sein, mehrere Blickwinkel einzunehmen und um die Umgebung mit anderen Augen zu sehen. Intensiver, detaillierter und langsamer.

Die Stadt mit neuen Augen: intensiver, detaillierter, langsamer.

Lässt sich Ihre Foto-Strategie auch auf andere Städte übertragen?

Auf jeden Fall! Jede Stadt hat in der Regel ihren eigenen Charakter und es wäre spannend, wenn sich andere Fotografen auch ihrer Stadt auf diese Weise nähern würden.

Und es gibt eine Vision: Vielleicht finden sich ja andere Fotografen, die eben auch ihre Stadt mit ihrer persönlichen Sichtweise porträtieren wollen. Dann bräuchte es eventuell noch ergänzend interessante Geschichten oder Interviews mit Bewohnerinnen beziehungsweise Bewohnern und einen Verlag, den dies als Buchreihe interessiert …

Graz is it? It is!

Weitere Infos zum Projekt sowie zahlreiche Fotos finden Sie unter www.bildausschnitte.at

Mehr über Bernd Grossek gibt es unter:

www.bildausschnitte.at/bernd