Eulen zu Tanja tragen ist unnötig, denn sie besitzt schon genug. Spätestens seit Harry Potter gelten Eulen als magische Wesen – und kaum jemand kann sie so zauberhaft einfangen wie Tanja Brandt, die Eulenflüsterin.

 von Jamari Lior

© Fotos Tanja Brandt

Liebe Tanja, für alle, die Dich noch nicht kennen: Wie kommt man auf die Idee, Eulen zu fotografieren? Was ist Deine Geschichte?

Naja, eigentlich hat alles mit der Hundefotografie begonnen. Ich wollte Fotos von meinen Hunden haben – aber so, wie ich sie in meinem Kopf hatte. Also musste ich eine Kamera haben – kann ja nicht so schwer sein, dachte ich mir. Die Bilder waren allerdings ernüchternd. Die folgenden Fotokurse brachten mich auch nicht so wirklich dahin, wo ich sein wollte … Ich hatte aber auch viel Arbeit, wir hatten eine Spedition und die Zeit fürs Fotografieren war nicht wirklich vorhanden.

Übrigens kaufte mein Ex-Mann mir die erste Kamera vor etlichen Jahren. Ganz neu, die Nikon D300s, mit dem Nikkor 70-200mm, 2.8. An diesem Tag hatten wir riesigen Stress und die nagelneue Kamera-Ausrüstung schlummerte originalverpackt in einem Rucksack auf dem Rücksitz unseres Wagen, der genau vor unserem Schlafzimmerfenster auf dem Stellplatz stand – in einer ruhigen Wohnsiedlung. Und genau in dieser Nacht wurde das erste Mal in der Gegend eingebrochen, in unser Auto. Die Ausrüstung war weg – welch ein Schock. Ein weiterer Schock folgte etwas später: Ich erlitt einen Schlaganfall. In dieser Zeit beschloss ich, mein Leben zu ändern. Arbeit ist nicht alles. Die folgenden Jahre verbrachte ich damit, wieder gesund zu werden und bin oft nur mit meinen Tieren und der Kamera durch die Gegend gezogen. Es gelang mir, vollständig zu genesen – geblieben sind nur eine gewisse Vergesslichkeit, meine Schrulligkeit und Probleme, mit der Hand zu schreiben.

Das Fotografieren aber klappte immer besser und ich konnte mir einen weiteren Traum erfüllen: den Falknerschein und endlich eigene Greifvögel haben. Schon früher hatte ich verletzte Greifvögel nach Hause geschmuggelt, um ihnen zu helfen. Jetzt konnte ich einfach mehr über sie lernen, mit ihnen leben und ihnen auch besser helfen. Als mein Steinkauz Poldi einzog, entwickelte mein Hund eine Freundschaft mit ihm und später auch mit den anderen Greifen und Eulen und ab diesem Zeitpunkt fotografierte ich  oft, was die Tiere so erlebten.

Wildtieren zu helfen war ebenfalls ein Traum von mir und wir konnten in den letzten Jahren wirklich sehr viele Tiere wieder gesund pflegen. Leider gab es auch einige wenige, die es nicht geschafft haben, aber die Erfolge helfen darüber hinweg.

 Vor einigen Jahren haben wir schon einmal über Dich und Deine Arbeit berichtet. Seither hat man viel von Dir gehört: Wie ist es Dir in der Zeit ergangen?

Eigentlich gut – ich habe viel fotografiert, Bücher herausgebracht und Workshops gegeben. 2019 startete ich allerdings im Sturzflug die Treppe herunter, mit anschließendem Krankenhausaufenthalt, zwei OPs und monatelangem Liegen. Ein Jahr ist das schon her und ich kann noch immer nicht richtig laufen. Viel ärgerlicher ist allerdings, dass mir die „Foto-Stellungen“ noch schwer fallen. Jeder Fotograf hat ja seine speziellen Fotostellungen und ohne die ist fotografieren echt schwierig. Wildlife fotografiere ich an sich oft, indem ich mich im „Mädchen-Toilettensitz“ anschleiche. Das bekomme ich noch lange nicht hin …

Du verrätst in Deinem neuen Buch viel Persönliches – war es schwer für Dich, so viel Privates preiszugeben? Spielt das Private für die fotografische Entwicklung eine wichtige Rolle und wenn ja, welche?

Jeder, der mich kennt, weiß, dass ich immer sehr persönlich bin. Geheimnisse habe ich eigentlich keine. Ich bin überzeugt davon, dass das Persönliche und der Charakter eines Menschen in der Fotografie eine Rolle spielen. Das drückt sich vor allem auch im Bildstil aus. Ich glaube an Träume, Freundschaft, die Partnerschaft mit den Tieren … Natürlich kenne ich die Technik meiner Kameras, aber Technik und Business ist nicht das, was ich so liebe.

So viele Menschen möchten von Dir Tier- und vor allem Vogelfotografie lernen. Welche Tipps gibst Du Anfängern auf den Weg?

Bei Tieren ist es wichtig, ihre Lebensweise zu kennen. Nur so kann ich wissen, wann und wo ich die bestimmten Tiere finde und wie sie sich verhalten. In meiner Anfangszeit der Vogelfotografie habe ich verzweifelt nach einer bestimmten Vogelart gesucht, weil so viele Fotografen faszinierende Bilder hatten. Ich wurde immer frustrierter – bei mir klappte nix. Allerdings hatte ich mir auch Zugvögel ausgesucht, die zu dieser Jahreszeit gar nicht vor Ort waren! Außerdem ist es wichtig, sich nicht entmutigen zu lassen. Das zu fotografieren, was einen fasziniert und die Schönheit und den Charakter der Tiere für andere sichtbar zu machen.

 Ingo und Else – so heißt Deine Website – aber wer sind Ingo und Else?

Hihi, ich sage schon immer zu Frauen, die so ein bisschen verpeilt sind „Else“, zum Beispiel „Oh Mann, da fährt ’ne Else vor mir im Auto …“ Und ja, ich darf das sagen, ich bin nämlich selbst eine Else. Die Homepage startete allerdings mit meinen zwei Hunden: „Ingo“ und seiner Schweser „Else“. Da so viele den Namen einfach schon kannten, habe ich es so gelassen – passt ja auch zu meiner eigenen Else-haftigkeit.

Und wie sieht es mit den Eulen aus, warum sind Eulen eigentlich so tolle Fotomotive?

Tja, das ist eine gute Frage. Ich finde ja, fast jedes Tier ist ein tolles Fotomotiv, aber Eulen erfüllen gleichzeitig noch das Kindchenschema, mit den großen nach vorne gerichteten Augen. Teilweise haben sie etwas Menschliches. An ihrem Gesichtsausdruck kann man direkt erkennen, wie die Laune ist. Auf der anderen Seite sind sie auch erhaben und in ihrer Schönheit einfach atemberaubend.

Die Eule war im griechischen Pantheon das Wappentier der Göttin Athene, Schutzgöttin von Athen und Göttin der Weisheit. Sind Eulen entsprechend besonders klug?

Äh, nein … Ich weiß gar nicht, woher diese Assoziation kommt. Manchmal denke ich, das liegt daran, dass Eulen einfach alles aussitzen. Sie handeln gerne nach dem Kosten-Nutzen-Prinzip und machen nur, was sich auch lohnt. Ingo zum Beispiel beeilt sich richtig, zu mir zu kommen, wenn ich ihn rufe, weil er weiß, dass ich mich freue – und er freut sich dann auch wie Bolle. Mach das mal mit meinem Uhu … Der schaut mich erst groß an und denkt darüber nach. Lohnt sich das Leckerchen, könnte er kommen. Aber nicht direkt beim ersten Mal. Erstmal warten, ob ich noch mehr Bestechung nachlade … Ansonsten: Schnee-Eule Uschi ist immer in denselben Badepott gefallen und hat immer wieder dieselbe Türe verpasst.

 Was muss man über Eulen wissen, um so tolle Fotos in den Kasten zu bekommen?

Will ich Eulen in freier Wildbahn fotografieren, muss ich wissen, wo sie leben. Die meisten denken nämlich, das sei im Wald, aber dem ist nicht so … Dazu kommt auch, dass die extrem nachtaktiven Eulen wirklich schwierig zu fotografieren sind. Auch da gibt es aber spezielle Gegenden, in denen sie an etwas Licht in der Nacht gewöhnt wurden. Ansonsten rate ich, die tagaktiveren Eulen zu fotografieren. Die Eulen, die mit uns leben, passen sich unserem Rhythmus an und man kann sie recht gut ablichten. Man sollte allerdings wissen, dass Eulen meist nur das machen, was sie wollen. Für mich ist das manchmal nicht einfach: Da kommt jemand und interessiert sich für meine Eulen und die haben schlechte Laune oder gerade überhaupt keine Lust.

Welches ist Dein aktuelles Lieblingstier? Und wie kannst Du seinen/ihren Charakter einfangen?

Eigentlich liebe ich sie alle, aber an erster Stelle steht mein Hund Ingo. Von den Eulen war es schon immer Klaus-Bärbel. Ich kann nicht erklären, warum. Er hat so viel Kraft. Uhus können einen Fuchs töten. Aber er verletzt uns nie. Er hat so viel Anmut, Würde und Gelassenheit, so viel Charakter … Er strahlt so unendlich viel Ruhe aus und ist somit das genaue Gegenteil zu Ingo und mir. Wir sind immer hektisch. Eine Nacht über etwas schlafen gibt‘s bei uns nicht.

Wenn es mir nicht gut geht, brauche ich nur mit Klaus-Bärbel zusammen zu sein. Er bringt mich sofort runter und schaut mit seinen riesigen orangefarbenen Augen durch mich hindurch, als ob er genau sieht, was alles in mir los ist. Und mit meiner Hektik komme ich bei ihm nicht weit. Er hält durch seine Art einfach die Uhren an.

Welche Objektive empfiehlst Du für die Vogelfotografie? Und wie stellt man die Kamera ein – Continuous Focus samt kurzer Belichtungszeit?

Wenn ich meine eigenen Eulen fotografiere, kann ich kleine Brennweiten nehmen. Mein Lieblingsobjektiv ist das Nikkor 105mm, 1.4. Für Flugbilder oder Actionbilder bei Hunden ist mein Liebling das Nikkor 300mm, 2.8. Wenn ich Wildlife fotografiere, nehme ich das Nikkor 600mm, 4.0 oder das Nikkor 400mm, 2.8 – gegebenenfalls mit 1,4 oder 2.0 Konverter. Den AF-C (oder bei Canon wäre das AI-Servo) habe ich immer eingeschaltet und verschiebe pausenlos meinen Fokuspunkt, weil ich in der Tierfotografie immer auf Überaschungen eingestellt sein muss.

 Mittlerweile sieht man auch Indoor-Inszenierungen von Dir. Was gilt es hier zu beachten? Und wie reagieren Eulen auf ihr Spiegelbild?

Die Eulen stört es nicht, indoor für mich zu posieren. Weißgesichtseule Gandalf lebt über den Winter ja schon immer im Haus, weil es für ihn als Afrikaner draußen einfach zu kalt wäre. Im Frühjahr kommt er dann immer wieder raus. Die anderen leben immer draußen, kommen aber ab und an mit rein. Sie leben ja mit uns und genießen es auch, manchmal mit uns auf dem Sofa zu sitzen und zu kuscheln. Licht macht ihnen überhaupt nix, Blitze – entgegen vieler Meinungen – auch nicht.

Dann müssten Eulen ja bei Gewitter vom Himmel fallen oder wenn sie beim Flug die harten Lichtstrahlen zwischen den Bäumen treffen … Letztes Jahr habe ich sie einmal drinnen fotografiert und mir persönlich gefallen die inszenierten Bilder sehr. Sie sind mal was ganz anderes im Vergleich zu den Bildern draußen in der Natur, wo man darauf wartet, was passiert. Drinnen hingegen wird inszeniert. Zum Spiegelbild: Früher hatte ich auch Wellen- und Nymphensittiche  sowie Papageien. Alle haben auf ihr Spiegelbild reagiert, Eulen hingegen überhaupt nicht. Sie scheinen weder sich noch einen Artgenossen darin zu erkennen – sie nehmen Spiegel einfach nicht zur Kenntnis.

Müssen Deine Eulenfotos stark nachbearbeitet werden oder sieht man sie weitgehend „out of box“?

Beides ist möglich. Bei meinen Wildlife-Bildern bearbeite ich kaum was – lediglich etwas Schärfe, Struktur, Tiefen und Lichter. Und ich hasse Grün, das muss also bisweilen aus den Fotos verschwinden. Bei meinen anderen Bildern variiert es. Oft habe ich Locations, von denen ich im Vorhinen schon weiß, dass das Auto, der Laternenmast und das Verkehrsschild später aus dem Bild retuschiert werden.

Wenn Du einen Wunsch offen hättest, welches Tier würdest Du am liebsten vor die Linse bekommen?

Oh, das ist ganz schwer zu sagen. Wölfe und Adler liebe ich sehr als Motiv. Um Adler zu fotografieren war ich gerade erst in Polen. Ich hoffe, dass ich in einigen Wochen nach Russland fliege, um Wölfe zu fotografieren. Auerhähne waren ebenfalls geplant, aber ich schaffe mit meinem Bein den Aufstieg leider noch nicht. Wenn es sich verwirklichen lässt, werde ich Adler und andere Greifvögel in Spanien fotografieren. Eulen, Greifvögel und Wölfe in Wildlife ist für mich das Höchste.

Vielen Dank für das Gespräch!

www.ingoundelse.de