Klaus Wohlmann hat so gut wie jede fotografische Disziplin gemeistert. Seine Vielseitigkeit und sein Können verdankt er vor allem einer Fähigkeit: dem guten Auge für Licht und Motiv.

von Benjamin Lemm

© Fotos Klaus Wohlmann

Was macht einen guten Fotografen aus? Ist es das umfassende Wissen über die Technik? Sind es abgefahrene Bildideen oder gutes Timing? Für Fotograf Klaus Wohlmann ist die Sache klar: „Die Fotografie ist für mich das Sehen; genau da habe ich meine Stärke. Ich gehe langsam meinen Weg und finde meine Bilder – sie entstehen förmlich vor mir“, beschreibt er seinen Prozess. Technik sei ein weniger wichtiges Thema – ausschlaggebend sei vor allem, das Motiv zu erkennen. „Ich habe immer wieder Leute in meinen Workshops, die sich total gut mit der Technik auskennen, aber keine Bildidee haben. Aber darin liegt die eigentliche Kraft.“

Vor seiner Laufbahn als Vollzeitfotograf war Klaus Wohlmann Logistiker. Irgendwann hatte er genug. 2006 verabschiedete er sich aus dem Beruf und zog mit seinem Motorrad los, um die Welt zu erkunden. Auf seinen Reisen führte er erste Fotoaufträge durch, unter anderem für den deutschen Entwicklungsdienst. Nach seiner Rückkehr von einer Reise in den Kongo 2009 eröffnete er zusammen mit der Agentur Grenzgang eine Fotoschule, in der er mit einer Reihe von Fotografen Workshops anbot.

Nach zwei Jahren ging das Konzept nicht mehr auf. Was blieb, sind die fotografischen Fähigkeiten, die sich Wohlmann in dieser Zeit aneignen konnte. „Das war meine finale Ausbildung“, blickt er zurück. „Heute profitiere ich immer noch von dieser Zeit!“

Weiter wachsen

Seine Bilder reduziert er gerne auf einige wenige Elemente, will mit weniger mehr zeigen. Dabei will er sich gezielt nicht, wie viele andere Fotografen das tun, auf eine oder zwei Disziplinen festlegen: „Ich mache viele, unterschiedliche Dinge, weil mich das herausfordert. Dann muss ich mich strecken, aus mir rauskommen und das ist geil! Ich ziehe da unfassbar viel Kraft raus: Immer wieder Neues auszuprobieren und dann auch durchzuziehen“, beschreibt er. Genauso baut er auch seine Workshops auf: Mit seinen Teilnehmern geht er jedes Mal gezielt andere Wege, um nicht in einen Automatismus zu verfallen. Außerdem habe ihm die Breite seines Angebotes geholfen, über die Jahre als Fotograf zu überleben.

Klaus Wohlmann sieht sich selbst als Dienstleister. Als Fotograf ist er in vielen verschiedenen Metiers zu Hause, beherrscht die Straßenfotografie genauso wie Porträt- oder Naturfotografie. Dementsprechend breit sind sein Portfolio und sein fotografisches Angebot: Er organisiert Workshops und Fotoreisen für Jugendliche und Erwachsene, leistet Reportagearbeit und veröffentlicht regelmäßig eigene Fotobücher und Bildbände. Auch vier oder fünf Hochzeiten begleitet er im Jahr. In der Corona-Zeit seien bisher vor allem Aufträge für Internetauftritte und Einzelcoachings ein wichtiges Standbein gewesen.

Immer in Bewegung

Ansonsten habe die Pandemie seiner Fotografie keinen Abbruch getan. Im Gegenteil: Im letzten Jahr sei er sogar noch stärker geworden, meint Klaus Wohlmann. „Das habe ich nur deswegen geschafft, weil ich was getan habe. Ich bin in Bewegung geblieben, dadurch schaffe ich mir mein Motiv“, beschreibt er. Bewegung, in Aktion bleiben – das ist allgemein ein wichtiges Thema bei dem Fotografen. Auch deswegen empfiehlt er Festbrennweiten zu nutzen. Man solle sich verabschieden von flüchtigen Blicken, sich nicht in die Reaktion drängen lassen, sondern sich gezielt Zeit für ein Motiv nehmen. „Das Problem ist, dass das nicht gesellschaftsfähig ist. Wenn Du mit Deiner Familie durch die Stadt gehst, sagst: ‘Ich muss mal eben ein Bild machen‘ und das dauert dann eine Stunde, brauchst Du nicht mit besonders viel Verständnis zu rechnen. Letzten Endes ist das der Grund, warum ich Workshops und Fotoreisen mache: Da sind Gleichgesinnte unterwegs, man konzentriert sich auf das Thema und kann sich diese Zeit nehmen.“

Klaus Wohlmann arbeitet seit über 20 Jahren als Künstler und Fotograf. Zu seinem Repertoire gehört die Dokumentation von Veranstaltungen, Sport-, Messe-, Reise- und Food-Fotografie, Portraits und Gruppenaufnahmen, die Dokumentation von Projekten und Firmen im In-und Ausland sowie die Produktion von Bildbänden, Vortragsreihen und Workshops für Fotografie.
www.klauswohlmann.com

Bei seinen Workshops agiert Wohlmann spontan, lässt sich treiben und entdeckt so immer wieder neue Spots und Motive. Denn genau das sei die Kunst: zu sehen, welche Möglichkeiten sich in dem Moment ergeben. Die Kommunikation mit seinen Schülern ist dabei sehr eng: Wohlmann lässt sich die entstandenen Bilder vor Ort zeigen, gibt Feedback, ist konstruktiv kritisch, ohne zu nett oder zu hart zu sein. Vor allem erklärt er, warum die gerade entstandenen Fotos Sinn machen, kann begründen, warum er welche Perspektive wählt und auf welche Details zu achten ist. Bei ihm ist eben nicht alles nur „Gefühl“, sondern vor allem Erfahrung und Wissen. Gleichzeitig will er sich aber auch nicht zu sehr in der Theorie verlieren: „Ich bin nicht so der Theorietyp. Ich führe vor und die Teilnehmer versuchen, das nachzubilden. Dann sollen sie sich ausprobieren. Anschließend besprechen wir die Ergebnisse. So wird man besser: indem man sich konstruktiv mit den Bildern auseinandersetzt“, beschreibt er den Ablauf. Zusätzlich fordert er die Schüler dazu auf, das heute Gelernte morgen zu wiederholen, um neues Wissen nachhaltig zu manifestieren.

Eine weitere gute Übung sei das Erkunden bekannter und unbekannter Routen bei verschiedenen Gegebenheiten: „Bei unterschiedlichen Lichtverhältnissen stellt sich die Umgebung immer wieder neu und anders dar. Geh einmal denselben Weg zu unterschiedlichen Tageszeiten: Du wirst feststellen, dass sich ganz neue Möglichkeiten eröffnen.“

Urbane Faszination

Das Urbane übt eine besondere Faszination auf Klaus Wohlmann aus. Ihm gefällt vor allem die Architektur der 1950er- und 1970er-Jahre. Er setzt sich gerne mit Gebäuden auseinander, erkundet sie mit seinen Blicken und seinem Gespür für die richtige Perspektive. Wenn man ein Bauwerk von verschiedenen Seiten betrachte und sich intensiv mit ihm beschäftige, entstehe ein Prozess im Kopf, an dessen Ende meistens ein gutes Foto herausspringe, meint Wohlmann. So etwas könne man nicht aus einem Buch lernen, sondern nur durch Ausprobieren und Erfahren herausfinden. Wichtig sei dabei vor allen Dingen, dass man die Gebäude immer in Relation zu Menschen setzt: „Ich kann ein Gebäude 1.000 Mal fotografieren, aber wenn ich keinen Bezug zu Menschen aufbaue, kann der Betrachter das Motiv gar nicht richtig einordnen. Architektur ist eben für den Menschen  und das sollte man auch zeigen“, ist er der Überzeugung.

Auch müsse man sich die Zeit nehmen, die Umgebung beobachten und voraussehen, wo ein gutes Bild entstehen könnte: „Ich bin am Bahnhof auf dem Bahnsteig, suche meine Perspektive mit dem Weitwinkel, finde sie in einer zentrierten Position. Ich warte darauf, dass Züge einfahren. Ich sehe, dass die Züge alle rote Türen haben. Jetzt warte ich genau auf den Moment, in dem der Zug so fährt, dass grafisch die roten Türen ins Bild passen“, nimmt er uns in die Entstehungsgeschichte eines seiner Bilder mit.

Fotografieanfängern rät er, einfach loszulegen, Erfahrung zu sammeln und sich nicht allzu sehr in der Theorie zu verlieren: „Man muss sich einfach auf den Weg machen, auch wenn man nicht weiß, ob das jetzt sinnvoll ist oder nicht. Dadurch, dass ich mich auf den Weg mache, entsteht etwas; man muss es machen, ohne dass es eine Garantie für Erfolg gibt.“