Praxistest: Panasonic Lumix DMC-GM1

Minimax

Panasonics neuste Spiegellose verkörpert Extreme: Letztmögliche Miniaturisierung bei bestmöglicher Bildqualität. Beides ist nur sehr schwer zu vereinbaren.
Von Harald Wittig

Panasonic gebührt das Verdienst, die Gattung der sogenannten spiegellosen Systemkameras mit Autofokus und allen gängigen Belichtungsautomatiken zur Digitalfotografie-Welt gebracht zu haben. 2008 war das, vor langen sechs Jahren, und seitdem ist die Entwicklung rasend schnell vorangespurtet. Der letzte Schrei sind Spiegellose mit Sensoren im vollen Kleinbildformat, gleichzeitig arbeiten Panasonic und Olympus mit Hochdruck am Ausbau des von beiden Herstellern unterstützten Micro-Four-Thirds-Standards. Olympus und Panasonic scheinen mittlerweile monatlich spektakuläre MFT-Neuheiten anzukündigen – oder stellen diese vor. Der jüngste Neuzugang in Panasonics umfangreichem MFT-System stellt die Lumix DMC-GM1 dar: Trotz ihres unattraktiven Namens ist die Neue umso anziehender, ist sie doch die bisher kleinste Systemkamera überhaupt. Mit einer Breite von nicht einmal zehn und einer Tiefe von knapp zwei Zentimetern des Gehäuses konkurriert die Kleine mit Kompaktkameras. Denen hat sie allerdings den deutlich größeren MFT-Sensor und das auswechselbare Objektiv voraus. Zumindest in der Theorie verspricht das eine wenigstens sehr gute, im Vergleich zu den Kompakten eher herausragende Bildqualität. Dabei hat Panasonic auch noch verbraucherfreundlich kalkuliert: Die DMC-GM1 gibt es im Kit mit dem speziell für diese Kamera abgestimmten 12-32mm-Zoom für rund 700 Euro, ein Preis, für den auch „Premium-Kompakte“ über den Ladentisch gehen.

Die DMC-GM1 ist nicht nur winzig klein, sie ist auch sehr gut verarbeitet: Das Gehäuse aus einer Magnesiumlegierung im dezenten Retrolook, mit seinem genarbten, lederähnlichen Bezug, sieht edel aus und fühlt sich gut an. Es gibt die Kamera in drei Farben: Wie unsere Testkamera très chic als kleine Schwarze, edel in Silber oder ganz en Vogue mit Silbergehäuse und orangefarbener Belederung, das Kit-Objektiv wird dann passend in Schwarz oder Silber geliefert.

Die bedingt durch die Miniaturisierung klitzekleinen Tasterchen und Einstellrädchen verlangen zwar für die Bedienung teilweise spitze Finger oder zumindest einen gepflegten Fingernagel, gleichwohl ist die Handhabung der Kamera nach der notwendigen Gewöhnungszeit auch mit großen Händen überraschend gut. Der Hersteller hat sich offenbar beim Bedienelemente-Layout Gedanken gemacht: So kommt der rechte Daumen dem Videoauslöser auf der vom Monitor dominierten Rückseite zwar gefährlich nahe, da der Auslöser aber von einem erhabenen Ring umrahmt ist, ist die Gefahr des unbeabsichtigten Aktivierens wirkungsvoll gebannt.

Beim Fotografieren geschieht die Einstellarbeit im Wesentlichen durch das rückwärtige Rädchen, das gleichzeitig ein Vierfach-Druckgeber ist. Wählt der Fotograf Zeit- oder Blendenautomatik am Programmwahlrad auf der Oberseite, stellt er die Blende oder die Verschlusszeit über einen Dreh mit dem rechten Daumen ein. Das geht nach unserer Erfahrung nach wenigen Tagen ganz entspannt und mühelos, weswegen wir uns zu keiner Zeit nach einer großen Kamera zurückgesehnt haben. Zumal die putzige DMC-GM1 mit einigen schwergewichtigen Argumenten von sich überzeugt.

 

Klein, schnell, leise

Offenkundig ist, dass die Kamera mit dem passenden Kit-Objektiv, einem Standard-Zoom in Pancake-Bauweise, mantel-, jacken- und handtaschentauglich ist. Die Panasonic kommt dem Ideal der Immer-Dabei-Kamera somit genau so nahe wie eine Kompakte.

Winzig und damit schon sehr unauffällig, eignet sich die DMC-GM1 bestens für den unbemerkten Schnappschuss auf der Straße. Ihre Unauffälligkeit erhöht die Panasonic noch zusätzlich: Obwohl eine Systemkamera, kann sie völlig lautlos auslösen. Sie ist nämlich mit einem Hybrid-Verschluss ausgestattet, der Anwender hat die Wahl zwischen einem Schlitzverschluss mit elektronischer Sensor-Abdunklung oder einem rein elektronischen Verschluss. Des Schlitzverschlusses bedarf es zwingend, um mit dem eingebauten Blitzgerät arbeiten zu können – mit dem elektronischen Verschluss ist das Blitzen nicht möglich. Allerdings beträgt die kürzestmögliche Synchronzeit eine langsame 1/50 Sekunde, wodurch das Aufhellblitzen bei Tageslicht und offener Blende zu einem eher selten Vergnügen wird. Außerdem ist der Schlitzverschluss für die heutige Zeit mit seiner kürzesten Verschlusszeit von 1/500 Sekunde vergleichsweise langsam. Dass die Kamera trotzdem auch schnellste Bewegungen wie den Flügelschlag des Kolibris einfrieren kann, verdankt sie ihrem elektronischen Verschluss, der mit seiner Ultrakurzzeit von 1/16.000 Sekunde auch die hochmodernen Schlitzverschlüsse aktueller Profi-DSLRs abhängt. Noch bemerkenswerter als seine Höchstgeschwindigkeit ist aber seine absolute Lautlosigkeit. Die DMC-GM1 ist damit perfekt fürs professionelle Bildermachen im Klassik-Konzert geeignet. Unbemerkt lässt sich auch mit Premium-Kompakten fotografieren, allerdings muss der Fotograf notgedrungen Kompromisse eingehen: Hat die Kamera einen kleinen Sensor, wird die Bildqualität immer vom ausgeprägten Bildrauschen beeinträchtigt. Bislang haben es die Hersteller noch nicht geschafft, kleine und mit den größeren Bildwandlern vergleichbar rauscharme Sensoren zu konstruieren. Eine Kamera wie die Fujifilm X100S ist zwar ebenso leise wie die DMC-GM1 und in puncto Rauschverhalten dank ihres großen APS-C-Sensors und der Ingenieurskunst der Fujifilm-Entwickler absolut mustergültig; aber der Fotograf muss mit dem fest eingebauten gemäßigten Weitwinkel Vorlieb nehmen.

Die aufgeräumte Gehäuse-Oberseite mit Moduswahlrad, Auslöser und Fokus-Wahlrad mit Funktionstaste.

Die aufgeräumte Gehäuse-Oberseite mit Moduswahlrad, Auslöser und Fokus-Wahlrad mit Funktionstaste.

Die Panasonic bietet im Vergleich dazu wesentlich mehr: Der Bildwandler mit seiner Auflösung von 16 Megapixeln entspricht dem aktuellen Stand der Technik für MFT-Sensoren, denn er sorgt auch in der zu recht hochgelobten GX7 (siehe Ausgabe 10 und 11/2013) für eine sehr gute Bildqualität. Theoretisch müsste die DMC-GM1 folglich dieselbe Bildqualität bieten – doch dazu später mehr.

Dank des MFT-Bajonetts kann der Fotograf aus einem inzwischen sehr großen Objektivangebot wählen: Allein Panasonic bietet 20 Objektive an, die – bezogen aufs Kleinbildformat – einen Brennweitenbereich von 15 bis 600 Millimeter abdecken. Hinzu kommen – neben weiteren – die kompatiblen und teilweise herausragend guten Objektive von Olympus sowie die drei MFT-Festbrennweiten von Sigma (siehe Ausgabe 11/2013). Schließlich besteht die Möglichkeit Fremdobjektive, beispielsweise von Leica, Zeiss oder Nikon zu adaptieren – was Kameras nach dem MFT-Standard zusätzlich attraktiv macht. Speziell das Fotografieren mit Kleinbild-Objektiven macht mit der DMC-GM1 richtig Spaß, denn die Kamera bietet zur Unterstützung beim Scharfstellen das „Focus Peaking“. Dabei werden benachbarte Pixel ständig auf ihren Kontrast untersucht. Maximal kann er nur sein, wenn der entsprechende Bildteil scharf abgebildet wird. Auf dem Display der Kamera ist dies an einer türkisgrünen Markierung, die mit steigendem Mikrokontrast intensiver wird, angezeigt. In der Praxis – wir haben die Funktion mit Leica- und Nikon-Objektiven getestet – funktioniert das Focus Peaking mit dieser Kamera sehr gut, was den Spaß am Fotografieren mit Manuell Fokus-Objektiven beträchtlich erhöht.

Üblich wird aber in den meisten Fällen der Autofokus-Betrieb sein. Der Autofokus mit seinen 23 Messfeldern geht vergleichsweise flott und treffsicher zu Werke, wenngleich er die von Panasonic versprochene Hochgeschwindigkeit nur bei optimalen Bedingungen – mittlere bis größere Aufnahmeentfernungen und gute Licht- und Kontrastverhältnisse – erreicht.

So richtig viel Spaß – vor allem auch beim Steuern des Autofokus – macht aber der Touchscreen der Kleinen. Panasonic gehört bei der Entwicklung von berührungsempfindlichen Bildschirmen für Fotokameras zu den Vorreitern und definiert mit seinen aktuellen Kameras insoweit den Standard für Funktionalität und Bedienkomfort. Wir können jedenfalls nur das Loblied auf den DMC-GM1-Touchscreen singen. Ein kurzes Antippen auf den Monitor genügt und der Autofokuspunkt ist ausgewählt, es ist sogar möglich, mittels Fingerdruck aufs Display ein Bild zu machen, ohne dass es des Auslösers bedürfte. Dann ist die Kamera auch wirklich superschnell und ein wahres Schnappschusswunder.

Der Monitor mit ausgereifter Touchscreen-Funktion ist das Steuerzentrum der Westentaschen-Kamera.

Der Monitor mit ausgereifter Touchscreen-Funktion ist das Steuerzentrum der Westentaschen-Kamera.

Doch auch beim eher konventionellen Lichtbildnern hat uns der Monitor überzeugt: Mit seiner Auflösung von mehr als einer Million Bildpunkten zeigt er auch bei schrägem Draufblick ein scharfes und kontrastreiches Bild – sehr wichtig bei einer solchen Kamera, denn es gibt keinen optischen oder elektronischen Sucher, auch nicht als optionales Zubehör. Dass das Display nicht klapp- und schwenkbar ist, ist der Miniaturisierung der Kamera geschuldet und sollte nicht negativ bewertet werden. Wer darauf Wert legt, wird bei Panasonic beispielsweise in Gestalt der GX7 fündig, verliert aber den Winzigvorteil.

 

Riesin bei der Bildqualität

Kommen wir zur Bildqualität. Da lässt die DMC-GM1 rein gar nichts anbrennen. Im Vergleich zur GX7 sind die JPEGs aus der Kamera knackiger, wofür eine vergleichsweise aggressivere Detailaufbereitung verantwortlich ist. Wer aus Qualitätsgründen das Rohdaten-Format bevorzugt, wird feststellen, dass sich beide Kameras nicht unterscheiden. Da reden wir mal Tacheles: Die Westentaschen-Kamera repräsentiert die Leistungsfähigkeit des MFT-Systems auf vornehme Art, denn die Bilder überzeugen mit sehr gutem Dynamikumfang und überzeugender Auflösung bei hervorragend niedrigen Bildstörungen sogar bei ISO 6400. Wer angesichts des Detailreichtums der Bilder noch immer meint, dass MFT-Kameras wegen des vergleichweise kleineren Sensors keine Chance gegen Kameras mit APS-C-Sensor haben, dem ist nicht zu helfen.

Mit Premium-Objektiven, beispielweise dem M.Zuiko 60mm f/2.8 ED Macro von Olympus oder dem Lumix G X Vario 12-35mm f/2.8 ASPH POWER OIS von Panasonic – um nur zwei prominente Beispiele zu nennen –, lässt sich die Bildqualität selbstverständlich am besten ausreizen. Das Kit-Zoom sollte deswegen aber nicht gleich weggepackt und gegen ein anderes Objektiv ersetzt werden: Das übrigens auch sehr gut verarbeitete Pancake-Zoom kann mit seinem Brennweitenbereich von 12 bis 32 Millimeter, entsprechend 24 bis 64 Millimeter bezogen aufs Kleinbild, mit guter zentraler Schärfe in Weitwinkelstellung und sehr guter Auflösung in der Bildmitte am Standard-Ende überzeugen. Der Randabfall ist bei den längeren Brennweiten vernachlässigbar gering, bei 12 Millimetern aber deutlicher, sprich fürs Auge erkennbar, ausgeprägt. Das Abblenden empfiehlt sich indes nicht, da die Randschärfe kaum zulegt, gleichzeitig schon Beugungsunschärfe im Zentrum zu erkennen ist. Das das Kit-Zoom mit seiner Maximal-Öffnung von nur f/1:3.5 – 5.6 eher lichtschwach ist, empfiehlt sich unabhängig vom seinem integrierten Stabilisator das Zuziehen der Blende, wenn die Verschlusszeit kurz bleiben muss, ohnehin nicht. Denn trotz ihrer sehr guten Leistung bei hohen ISO-Werten: Die beste Bildqualität bietet die putzige Kleine wie jede Digital-Kamera bei niedrigen ISO-Werten. Die einzige echte Schwäche des Mini-Zooms ist die relativ starke tonneförmige Verzeichnung in Weitwinkelstellung, die vor allem bei Architekturaufnahmen stört. Klar, die Verzeichnung lässt sich nachträglich am Rechner korrigieren, allerdings wird dann zwangsläufig der Bildwinkel beschnitten – gar nicht im Sinne des Weitwinkel-Freundes.

Den Einsteiger oder Kompaktkamera-Umsteiger wird das nicht kümmern. Wir bewerten das Objektiv angesichts der – jawohl – Oberklasse-Leistung der Kamera besonders streng, sprechen aber das versöhnliche finale Urteil: Das Kit-Zoom ist alles andere als ein Billig-Plastikobjektiv, sondern bietet genug für eindrucksvolle Aufnahmen. Ein Spezialobjektiv als Ergänzung – beispielsweise ein lichtstarkes Weitwinkel, ein Makro oder eine Telefestbrennweite – und mit der DMC-GM1 sind, sofern nicht erweiterte Blitzfunktionen gefragt sind, auch anspruchsvolle Fotoprojekte zu bewältigen.

 

Fazit

Die Panasonic Lumix DMC-GM1 schafft es tatsächlich extreme Miniaturisierung und bestmögliche Bildqualität zu vereinen. Sie empfiehlt sich für den Ein- und Aufsteiger als Erst-Systemkamera, der arrivierte Fotograf findet in der Westentaschenkamera eine leistungsfähige und reportagetaugliche Zweit- oder Drittkamera.

 

 

Pictures 04/2014

Pictures 04/2014

 

Dieser Praxistest entstammt der Pictures Magazin Ausgabe 04/2014

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2017-06-13T13:11:11+00:00 22. August 2014|Categories: Kameras, News, Objektive, Praxistests|Tags: , , , , , |

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