Praxistest: Sony Alpha 9

SPEEDMASTER

Mit seinem neuen Topmodell zielt Sony eindeutig auf die professionelle Sport- und Action-Fotografie. Mit einer Fülle technischer Innovationen gelingt das dem japanischen Unternehmen  vortrefflich und greift mit der Alpha 9 rigoros die derzeitigen Platzhirsche Canon EOS 1DX Mark II und Nikon D5 an.

VON HANS-GÜNTHER BEER
© FOTOS HANS-GÜNTHER BEER

Insgeheim schon zur photokina 2016 erwartet, hat Sony Ende April dieses Jahres sein neues Top-Modell Alpha 9 vorgestellt. Und dass mit einem Paukenschlag. Äußerlich beispielsweise von einer Alpha 7R II, die weiter im Programm bleibt, auf den ersten Blick kaum zu unterscheiden, stellt die Alpha 9 eine komplett neue, auf höchste Geschwindigkeit optimierte Profikamera dar, die mit einer ganzen Reihe von Superlativen aufwarten kann. Herzstück ist der neue 24 Megapixel Kleinbildformat-Exmor RS CMOS Sensor mit mehrschichtigem BSI-Design, bei dem wie bei allen rückseitig belichteten Sensoren die Leiterbahnen nicht vor, sondern hinter der lichtempfindlichen Schicht sitzen, wodurch die Lichtausbeute zunimmt. Und da der DRAM für den Zwischenspeicher direkt auf dem Bildwandler sitzt, schafft die Sony Alpha 9 nicht nur eine maximale Serienbildgeschwindigkeit von 20 Bildern pro Sekunde, sondern schaufelt bis 250 RAW- oder 360 JPEG-Aufnahmen nonstop in den Pufferspeicher. Von dort speichert die Kamera die Daten auf zwei SD-Karten weg, wobei allerdings nur einer der beiden Kartenslots über die schnelle UHS II-Schnittstelle verfügt. Diese extrem hohe Serienbildgeschwindigkeit, die deutlich über denen der Canon- und Nikon-Pendants liegt, realisiert die Alpha 9 ausschließlich mit dem integrierten elektronischen Verschluss, mit dem man allerdings nicht vernünftig blitzen kann. 20 Bilder/Sekunde ohne Dunkelphase Dafür steht der klassische, laut Sony auf 500.000 Auslösungen ausgelegte mechanische Verschluss mit einer Synchronzeit von 1/250 s, einer maximalen Bildfrequenz von 5 Bildern pro Sekunde und einer kürzesten Belichtungszeit von 1/8000 s zur Verfügung.

Für Alpha 7-Fotografen wirkt das Bedienlayout der Alpha 9 sofort vertraut, obwohl die Ergonomie deutlich verändert wurde.

Für Alpha 7-Fotografen wirkt das Bedienlayout der Alpha 9 sofort vertraut, obwohl die Ergonomie deutlich verändert wurde.

Der völlig lautlos arbeitende elektronische Verschluss schafft aber locker die 1/32.000 Sekunde und ermöglicht gemeinsam mit dem opulent großen, scharfen und wunderbar homogen abbildenden elektronischen OLED-Sucher – Auflösung 3.700.000 Bildpunkte – ein weiteres Highlight der Alpha 9: Im High-Speed-Serienbild-Modus kennt der Sucher nämlich keine Dunkelphase, wie sie bei mechanischen Verschlüssen auch bei spiegellosen Kameras grundsätzlich immer auftritt. Vielmehr behält man immer Blickkontakt mit dem Motiv. Das mag im ersten Moment sogar etwas verstörend wirken, da man auch aufgrund des lautlosen Verschlusses gar nicht merkt, dass man bereits ausgelöst hat – lediglich das Flackern des eingeblendeten Bildrahmens und allenfalls ein ganz leises Klackern der Blendenmechanik weisen darauf hin. Doch in der Praxis lernt man diesen Komfort sofort zu schätzen und das Einfangen des richtigen Moments bei der Sportfotografie erhält eine neue Qualität. Dank des Pupillenabstands von 23 Millimetern ist der Sucher auch für Brillenträger ein Genuss und die 0,78-fache Suchervergrößerung liefert ein sehr großes, in der Helligkeit mehrstufig anpassbares Sucherbild, dessen Bildwiederholfrequenz sich von normalerweise 60 B/s auf 120 B/s verdoppeln lässt, was aber auch den Stromverbrauch erhöht. Aber schon mit der niedrigeren Bildfrequenz treten selbst bei schnellem Schwenken der Kamera kaum Wischeffekte auf, bei 120 B/s bleibt es völlig stabil. Zum hohen Stromverbrauch tragen auch die vielen anderen High- Speed-Features und nicht zuletzt der neue OLED-Sucher bei. Um eine potentere Energieversorgung für eine längere Betriebszeit, immer ein Sorgenkind bei den Alpha 7-Modellen, sicherzustellen, spendierte man der Alpha 9 mit einem 2.280 mAh Lithium Ionen-Akku mehr als die doppelte Energiemenge. Wie bei der Alpha 7R II lässt sich der Akku übrigens in der Kamera via USB-Anschluss aufladen und in den optionalen Hochformatgriff VG-C3EM passen zwei Akkus – das dürfte meist einen Arbeitstag lang reichen. Im Test konnten wir ohne Batteriegriff trotz viel „Herumgespiele“ immer mehr als 400 Aufnahmen anfertigen, darunter auch jede Menge Serienbildsequenzen, und hatten dann immer noch 20 Prozent Akkukapazität zur Verfügung. Der elektronische Verschluss Obwohl die meisten aktuellen Systemkameras und auch viele neuere DSLRs über einen elektronischen Verschluss verfügen, sind deren Einsatzmöglichkeiten bei sich schnell bewegenden Objekten meist deutlich eingeschränkt. Der Übeltäter heißt Rolling Shutter.

Da bei CMOS-Sensoren im Gegensatz zu den CCD-Sensoren, die Bildinformationen nicht en bloc, sondern zeilenweise ausgelesen werden, kann es zu merkwürdigen Bildeffekten wie sichelförmig verformten Propellern oder deformierten 100-Meter-Sprinter kommen. Grund dafür ist insbesondere der zeitliche Versatz zwischen der ersten und letzten ausgelesenen Zeile, das Foto wird im Bildprozessor also falsch zusammengesetzt. Nun hat Sony versprochen, bei der Alpha 9 den Rolling-Shutter-Effekt zwar nicht völlig eliminiert, aber doch so stark minimiert zu haben, dass er kaum noch auffällt. Um dies zu überprüfen, haben wir Testaufnahmen eines schnell drehenden Ventilators mit verschiedenen, willkürlich ausgewählten Kameras gemacht. Die Testaufnahmen mit den elektronischen Verschlüssen zeigen, dass bei 1/8000 s die Bildergebnisse bei einer Olympus OMD E-M1 oder Pentax K-1 mit dem Original nichts mehr zu tun haben, die Aufnahme mit einer Alpha 9 hingegen zeigte, gegenüber der Vergleichsaufnahme mit mechanischem Verschluss, nur eine geringfügige Verzerrung – ein sensationelles Ergebnis. Damit ist die Alpha 9 auch uneingeschränkt für Sport- oder Action-Aufnahmen mit dem elektronischen Verschluss und kürzesten Belichtungszeiten einsetzbar, zumal die Kamera auch beim dort unverzichtbaren Autofokus Tracking ein weiteres Highlight setzt.

Der Autofokus in der Praxis

Der Bildsensor liefert an den Bionz X Bildprozessor nicht nur die reinen Bilddaten, sondern die auf dem Sensor großflächig verteilten 693 Phasendetektor Fokusmesspunkte 60-mal pro Sekunde neue Fokusinformationen. Das heißt in der Praxis, dass nicht nur 93 Prozent der Bildfläche zum Fokussieren herangezogen werden können, sondern auch, dass der Autofokus selbst bei einer Serienbildgeschwindigkeit von 20 Bildern pro Sekunde dreimal pro Aufnahme die Schärfe misst und korrigiert. Das kommt quasi einer Neudefinition von Focus Tracking gleich und bietet selbst bei rasantesten Sportarten nahezu die Garantie auf den Königstreffer. Denn, hat sich der Autofokus im Tracking-Modus erst einmal festgekrallt, lässt er nicht mehr los und folgt diesem Detail nicht nur über die gesamte Bildfläche, sondern macht auch abrupte Richtungsänderungen mit. Dabei hilft ihm, wenn man bei aktiviertem Vor-AF das Motivdetail mit halb gedrücktem Auslöser oder noch besser durch Druck auf der erstmalig vorhandene AF-Taste auf der Kamerarückseite markiert. Weitere Ausstattungsdetails Neben den erwähnten sehr markanten Features haben die Entwickler bei der Alpha 9 auch viel Feintuning im Detail betrieben. So wurde gegenüber den Alpha 7-Modellen vor allem die Ergonomie deutlich optimiert. Hierzu tragen besonders die beiden konzentrisch übereinander angeordneten Einstellräder auf der linken Kameraschulter bei. Dort lassen sich über das obere Einstellrad im direkten Zugriff sowohl die Serienbildmodi als auch Selbstauslöser und Bracketing-Funktion direkt anwählen, also auch die Fokusmodi mit dem Einstellrad darunter. Wichtig für Sport- und Action-Fotografen dürfte die schon erwähnte AF-Taste sein, mit der man unabhängig vom Auslöser den Autofokus aktivieren kann. Durch die Feinarbeit im Detail, liegt das Kameragehäuse außerdem deutlich besser in der Hand und wirkt irgendwie griffiger. Auch macht das Gehäuse gegenüber der Alpha 7-Modelle einen robusteren und wertigeren Eindruck. Der Schutz gegenüber Staub und Spritzwasser ist laut Aussagen von Sony ebenfalls verbessert worden. Verbessert wurde auch die merkbar umfangreichere Menüstruktur der Alpha 9, die nun deutlich logischer aufgebaut ist als beispielsweise bei der Alpha 7R II. Bewährtes wurde allerdings auch übernommen. So verfügt die Alpha 9 ebenfalls über einen 5-fach Sensorshift-Bildstabilisator, der zuverlässig und unauffällig arbeitet und zirka vierfach längere Belichtungszeiten für scharfe Aufnahmen aus der Hand erlaubt: Mit dem Sony FE 85mm F1.8 beispielsweise gelangen auf Anhieb scharfe Aufnahmen mit 1/15 Sekunde ohne Stativ. Tests mit längeren Brennweiten, beispielsweise dem krachneuen FE 100–400mm F4.5–5.6 GM OSS stehen allerdings noch aus.

Diese Aufnahmen wurden mit der Alpha 9 mit einer elektronischen Verschlusszeit von 1/1000 s, Blende f/4, ISO 1.600 und mit 20 Bildern pro Sekunde gemacht.

Auch ein um 107 Grad nach oben und 40 Grad nach unten klappbares Display auf der Rückseite besitzt die Alpha 9. In Sachen Kommunikationseinstellungen hat Sony bei der Alpha 9 nachgerüstet und eine Ethernet- Buchse spendiert, zur Datenübertragung per Kabel auf einen ftp-Server. Ansonsten sind WiFi, NFC und Bluetooth als Kommunikationsschnittstellen an Board, via WiFi lassen sich auch Fotos auf den PC senden (weitere Schnittstellen siehe Tabelle). Selbstverständlich kann die Alpha 9 auch 4KVideos im XAVC S Standard mit 25/30p mit 100 Mbit/s anfertigen, was aber seitens Sony gar nicht so groß herausgestellt wird. Diese Funktion haben wir nicht ausführlich testen können, dafür aber die Bildqualität. Die Bildqualität der Sony Alpha 9 Hier liefert die Kamera wie zu erwarten eine hervorragende Qualität, wie viele andere 24 Megapixelkameras auch. Im JPEG- und im RAW-Modus fällt die sehr plastische und natürliche Farbwiedergabe auf, auch die Art und Weise, wie sehr feine Bilddetails wiedergebeben werden, zeigt eine hohe Pixelschärfe und eine eher vorsichtige Bearbeitung der Bilddaten im Bionz X-Bildprozessor. Das ist gut gemacht. Das Rauschverhalten entspricht dem anderer 24 Megapixelkameras, allerdings auf der sicheren Seite. Bis ISO 6.400 ist Farbrauschen kaum ein Thema, selbst Aufnahmen mit ISO 12.800 zeigen lediglich in blauen Flächen ein gut wahrnehmbares, aber immer noch zurückhaltendes Farbrauschen (rote Pixel) auf. Fazit Mit der Alpha 9 ist Sony ein echter Profibolide gelungen, der trotz seiner kompakten Abmessungen eine gute Ergonomie bietet und vor allem in allen für die Action- und Sportfotografie relevanten Disziplinen eine exzellente Performance liefert. Die Bildqualität ist hervorragend, aber wirklich herausragend sind die Serienbildgeschwindigkeit von 20 B/s, der extrem schnelle und präzise Autofokus und fantastische Sucher ohne Dunkelpause. Da muss sich die Konkurrenz sehr warm anziehen.

Aufgenommen jeweils mit 1/8000 s zeigen die elektronischen Verschlüsse einer Olympus OMD E-M1 (oben links) und Pentax K-1 (oben rechts) seltsam verformte Propeller und erzeugen so skurrile „Kunstwerke“. Der elektronische Verschluss der Sony Alpha 9 hingegen verformt die Propeller-Blätter kaum (unten links). Zum Vergleich die gleiche Aufnahme mit mechanischem Verschluss der Alpha 9, ebenfalls bei 1/8000 s.

Sony Alpha 9

Hersteller Sony Corporation
Vertrieb www.sony.de
Preis [UVP] Gehäuse 5.299 Euro

Technische Daten/Ausstattung
Gehäuse Aluminium-Druckguss
Spritzwasser- und Staubschutz ja
Objektivbajonett Sony E-Mount
Sensorauflösung/Bildgröße 24,2 Megapixel/ 24-36 mm, Kleinbildformat
Sensortyp EXMOR RS CMOS 6.000 x 4.000 Pixel/ Bionz X
Bildformate RAW (14 Bit, kompr., unkompr.)/JPEG
Bildstabilisator ja (Sensorshift)
Sensorreinigung Ultraschallfilter
Sucher elektronischer Sucher 3.686.400 Bildpunkte, 100 %, Vergr. 0,78 x
Dioptrienanpassung -4,0 bis +3,0 dpt, Pupillenabstand 23 mm
Bildwiederholfrequenz 60 B/s (standard), 120 B/s (high)
Bildschirm/Auflösung/klappbar/schwenkbar 3-Zoll/1.440.000 Bildpunkte/ja/nein
Touchscreen ja
Livebild/mit Autofokus ja/ja
Programm-/Zeit-/Blendenautomatik ja/ja/ja/ja
Belichtungsmessung Mehrfeld/Integral/Spot ja/ja/ja/ja (EV -3 bis EV 20)
Belichtungskorrektur/ Belichtungsreihen ja/ja, +-5 LW
Weißabgleich: Auto/manuell/Presets/Reihen ja/ja/ja/ja
ISO-Empfindlichkeit ISO 100-51.200 (50-204.800)
Verschlusszeiten/Blitzsynchronisation 30-1/8.000s (mech.), 30-1/32.000s (elektr.) / 1/250s
Aufnahmebetriebsarten S, CL, CH
Maximale Bildsequenz 20 B/s (elektr. Auto), 5 B/s (mech.)
Maximale Anzahl Bilder bis Speicher voll 241 RAW-kompr., 128 RAW-unkompr., 362 JPEG
Selbstauslöser ja (2s/5s/10s) Pause einstellbar
Intervalltimer ja
Fokussiersystem (Hybrid /Phasen/Kontrast)
AF-Messfelder max. 693 Punkte (AF-Phasendetektion), 25 (AF-Kontrastdetektion)
Fokusmodi/Empfindlichkeit AF-S, AF-C, DMF, manuell/ -3 bis 20 EV
AF-Hilfslicht ja
Gesichtserkennung ja
eingebauter Blitz nein
Blitzmodi 2. Verschlussvorhang, Rote Augen, FP
Externer Blitz steuerbar Master-Slave-Modus ja (Licht/Funk)
Wasserwaage ja
Schnittstellen Micro-USB, HDMI-Micro, Ethernet, Fernauslöser, Mikrofon, Kopfhörer
WiFi/Bluetooth/NFC ja/ja (4.1)/ja
Speicherkarten 2 x (SD UHS II, DS/ Memory Stick DuoUHS I)
Videoformat Super 35-Format, XAV S, AVCHD 2.0, MP4
bestmögliche Videoqualität 4K 3.840 x 2.160 30/25p (100 Mbit/s), HD 1.920 x 1.080/120p (60 Mbit/s)
Timecode ja
Abmessungen (B x H x T) 127 x 96 x 630 mm
Gewicht 675 g (Inklusive Akku und Speicherkarte)

Besonderheiten
Multi Interface-Zubehörschuh, interne Akkuladung, Eye-Start-Autofokus mit LA-EA2 bzw. LA-EA4; Bildübertragung auf PC, AF-Berechnung bis zu 60 x pro Sekunde

2018-12-04T15:05:13+00:004. Dezember 2018|Kategorien: Kameras, Praxistests|Tags: , , |

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