Praxistest: Sony Alpha A7R

Die Superlative

Die Sony A7R ist eine Digital-Kamera der Superlative, die scheinbar etablierte Kategorien sprengt.

Autor: Harald Wittig

Gewissermaßen im Windschatten der Platzhirsche hat sich Elektronikriese Sony zu einem der bedeutendsten Hersteller von Digital-Kameras gemausert. Während die Marktführer trotz ständiger Innovationen an der traditionellen Fototechnik wie beispielsweise optischen Suchersystemen festhalten, bricht Sony bewusst mit der Tradition, setzt seinerseits auf hochentwickelte elektronische Sucher und entwickelt kleine Kameras mit Vollformat-Sensoren. Mit den beiden Modellen Alpha 7 und Alpha 7R mischen die Japaner seit Neuestem den Systemkamera-Markt gehörig auf, denn es handelt sich bei beiden Alphas unbestritten um die kleinsten Systemkameras mit Sensoren im vollen
Kleinbildformat. Bisher waren es die Leica M-Modelle, die sich damit schmücken konnten, allerdings auch keinerlei Komfort wie Autofokus sowie erweiterte Belichtungsmodi und -Automatiken zu bieten haben. Derlei – und nicht einiges mehr – gehört bei den Alpha 7-Modellen selbstverständlich zur Standardausstattung.

Grundsätzlich unterscheiden sich die A7-Kameras durch ihre Bildwandler und im Preis: Die A7 als das kostengünstigere Modell hat einen Sensor mit 24,3 Megapixeln Auflösung und schlägt mit einem Gehäusepreis von rund 1.500 Euro zu Buche. Die A7R ist mit einem Preis von knapp über 2.000 Euro teurer, hat allerdings auch einen Sensor mit pixelgewaltiger 36,4 MP-Auflösung, der zudem ohne einen auflösungsmindernden Tiefpassfilter auskommt. Damit tritt die A7R in direkte Konkurrenz zur Nikon D800, der bisherigen und spürbar teureren Auflösungsrekordhalterin im Vollformat und wetteifert, wie schon die Nikon, durchaus auch mit den um ein Vielfaches teureren Mittelformat-Kameras. Als Nikon D800- und Leica M-Fotografen wollen wir selbst wissen, ob die A7R wirklich das neue „Alpha- Tier der Digital-Fotografie mit Referenz-Qualitäten“ ist und haben die große Kleine ausgiebig in der Praxis gestestet.

Kleingehäuse und Großsensor
Die A7R – eigentlich heißt sie ILCE-7R – ist kaum größer als eine Olympus OM-D EM-1 und unterbietet in der Gehäusebreite die Leicas M, M-E und M Monochrome sichtbar. Auch spürbar, denn mit einem Kampfgewicht von gerade mal 407 Gramm, ist die Sony ein echtes Fliegengewicht. Allerdings ist ein Großteil des A7R-Gehäuses aus Kunststoff, nur Front und Topplatte bestehen aus einer Magnesium-Aluminium-Legierung. Im Vergleich zur Leica M-E, aber auch zur konstruktionsbedingt größeren und mehr als doppelt so schweren Nikon D800, wirkt die Sony etwas zerbrechlich, obwohl sie durchaus robust ist. Dank des ergonomisch günstig ausgeformten Handgriffs, lässt sich die A7R auch von Fotografen mit Riesenpranken erstaunlich gut halten.

Die A7R zieht wegen ihres tiefpassfilterfreien 36 Megapixel-Sensors vor allem erfahrene Fotografen mit höchsten Ansprüchen an die Bildschärfe an. Die benötigen keine 1000 Motivprogramme und wollen sich nicht durch verschachtelte Endlos-Menüs klicken, sondern wie gewohnt Bilder machen. Sony weiß das, folglich liegt der A7R ein klares, traditionell ausgerichtetes Bedienkonzept zugrunde: Das Moduswahlrad sowie die beiden Einstellräder sind vom rechten Zeigefinger beziehungsweise Daumen mühelos erreichbar, dabei aber nicht zu leichtgängig, was unbeabsichtigtem Verstellen vorbeugt. Sehr positiv vermerken wir das Vorhandensein eines Belichtungs-Korrekturrades, das wie alle Einstellräder aus Metall gefräst ist und eigentlich zu jeder Kamera gehören, zumindest aber Teil der Grundausstattung einer Digitalen mit professionellem Anspruch sein sollte. Mit der A7R lässt sich folglich in den typischen Profi-Einstellungen, also manuelle Nachführmessung sowie Zeit- oder Blendenautomatik, fotografieren ohne dass es eines langwierigen Studiums der Bedienungsanleitung bedürfte.

Hervorragend an der A7R: Das Carl Zeiss Makro-Planar 2/100 T* ZF.2, adaptiert mit Novoflex NEX/NIK Adapter.

Hervorragend an der A7R: Das Carl
Zeiss Makro-Planar 2/100 T* ZF.2, adaptiert
mit Novoflex NEX/NIK Adapter.

 

Der eingebaute elektronische Sucher in High Eyepoint-Ausführung ist einer der besten auf dem Markt.

Der eingebaute elektronische Sucher in High Eyepoint-Ausführung
ist einer der besten auf dem Markt.

Top-Sucher
Für klare Sicht aufs Motiv bietet Sony einigen Komfort: Die A7-Modelle sind neben einem klappbaren Monitor mit einer feinen Auflösung von 921.600 Bildpunkten zusätzlich mit einem eingebauten elektronischen Sucher ausgestattet. Der bietet, wie von Sony gewohnt und inzwischen auch erwartet, ganz großes Kino: Das Bild ist klar, detail- und kontrastreich, dabei absolut ruckel- und schlierenfrei. Das gilt zwar in letzter Konsequenz nur bei einigermaßen hellem Umgebungslicht, dennoch hält der A7-Sucher meistenteils locker mit den aufwändigen optischen Suchern professioneller DSLRs mit. Zudem ist er als High Eyepoint-Sucher gestaltet, weswegen auch Brillenträger das Sucherbild sehr gut erfassen können. Die Kamera schaltet in der Standard-Einstellung via Augensensor zwischen elektronischem Sucher und Monitor um – automatisch und ohne spürbare Verzögerung. Wir würden uns allerdings einen separaten Umschalter à la Olympus oder Fujifilm wünschen, um den stromfressenden Monitor beispielsweise nur für die Bildkontrolle aktivieren zu müssen, ansonsten aber die Motivkontrolle und sämtliche Einstellarbeiten über den Sucher vorzunehmen.

 

Ob damit Akkuleistung entscheidend gespart werden könnte, wissen wir nicht. Aus Erfahrung wissen wir aber, dass die A7R einen geladenen Akku vergleichsweise schnell aussaugt. Sony gibt ehrlicherweise maximal 340 Aufnahmen für eine Akkuladung an, womit die Kamera in guter Gesellschaft mit den digitalen M-Leicas der zweiten Generation – M9, M-E und M Monochrome –, die bekanntlich einen optischen Sucher haben, ist. Der vergleichsweise hohe Stromverbrauch ist auch der enormen Auflösung geschuldet: Die anfallenden Datenmengen sind zwangsläufig sehr groß und verlangen einen leistungsstarken sowie entsprechend energiehungrigen Prozessor. Das ist übrigens bei der Nikon D800 ähnlich, wenngleich Nikons Pixelbolide dank des sehr viel kräftigeren Akkus viel länger durchhält.

Mit der Nikon D800 hat die Sony auch die eher mäßige Serienbildrate von bestenfalls vier Bildern pro Sekunde gemein. Nun, daraus sollte niemand der A7R einen Strick drehen. Es sollte eigentlich klar sein, dass sich eine solche Auflösungsriesin nicht für Hochgeschwindigkeits-Fotografie eignen kann – und dafür auch nicht konzipiert ist. Sony war in dieser Hinsicht konsequent und hat – anders übrigens als beim Schwester-Modell A7 – die A7R mit einem eher behäbig zu Werke gehenden Autofokus-System, das einzig auf Kontrastmessung basiert, ausgestattet. Das betrifft aber nur die Fokus-Geschwindigkeit, welche für die A7R-Zielgruppe ohnehin eher zweitrangig ist. Denen geht es um höchstmögliche Bildschärfe, es ist also wichtiger, dass das Autofokus-System punktgenau scharf stellt – vor allem bei der Arbeit mit hochlichtstarken Objektiven, die aus bildgestalterischen Gründen mit Offenblende eingesetzt werden. Dafür bietet die Sony die neuartige Pupillenerkennung an, mit welcher der Autofokus die Schärfe exakt und sehr zuverlässig auf ein Auge legt – große Klasse für Porträts.

Die A7R ist bereits eine der beliebtesten System-Kameras für das Adaptieren manueller Objektive – beispielsweise von Leica oder Zeiss. Auch gerne daptiert – das kleine Auflagemaß der Kamera macht´s möglich: Spiegelreflex-Objektive aus der Analogzeit, vorzugsweise aus westdeutscher und japanischer Produktion, aber auch aus der DDR. Mit den hochwertigen Adaptern des Spezialisten Novoflex ist die Altglasverwertung an der Sony grundsätzlich praktikabel, zumal dank des sogennanten Focus Peaking, des hochauflösenden Suchers und der optional aktivierbaren Sucherlupe das exakte manuelle Fokussieren eine vergleichsweise leichte Übung ist. Allerdings sollten Sie, bevor Sie sich mit Objektiv-Oldies eindecken, bedenken, dass die A7R, genauer ihr Sensor – insoweit der Nikon D800 vergleichbar – nur allerbestes Glas, sprich Top-Objektive duldet. Wir haben die A7R neben den beiden neuen Carl Zeiss-Objektiven Sonnar FE 2,8/35 ZA und Sonnar FE 1,8/50mm ZA auch mit Carl Zeiss ZF.2 SLR-Objektiven, Nikon Nikkor AiS- und Leica M-Objektiven getestet – zu den Ergebnissen in Kürze ausführlich.

Zuvor noch kurz und bündig einige zusätzliche Worte zum Praxiswert der Kamera: Grundsätzlich bietet die A7R gute Voraussetzungen für den Reportageeinsatz – mal abgesehen vom langsamen Autofokus und den aufgrund der extremen Auflösung riesigen Dateien. Eine ihrer größten Schwächen ist aber das laute Verschlussgeräusch, das an alte SLRs erinnert. Die Sony dürfte derzeit die lauteste Spiegellose sein, was ein unauffälliges Arbeiten praktisch ausschließt. Die A7R hat einen rein mechanischen Schlitzverschluss, der naturgemäß geräuschvoller werkelt als
ein Zentralverschluss oder ein elektronischer Verschluss. Aber: Die DSLR-Hersteller oder auch Leica beweisen, dass es sehr viel leiser und vor allem auch erschütterungsfrei geht. Der Sony-Verschluss verhält sich insoweit nicht eben mustergültig, weswegen der Fotograf wie beim Lichtbildnern mit der Spiegelreflex stets die kürzestmögliche Verschlusszeit wählen sollte. Eine 1/15 Sekunde aus der Hand – mit einer Leica und einem Weitwinkel problemlos möglich – bringt nur mit großem Glück ein brauchbares Bild. Wir meinen, dass Sony den Verschluss nochmals überarbeiten sollte – seine Lautstärke ist ein absolut verzichtbarer Superlativ.

Für die Produktfotografie eignet sich die A7R dank der herausragenden Schärfe des tiefpassfilterfreien 36 MP-Sensors bestens.

Für die Produktfotografie eignet sich die A7R dank der herausragenden Schärfe des tiefpassfilterfreien 36 MP-Sensors bestens.

Für die Produktfotografie eignet sich die A7R
dank der herausragenden Schärfe des tiefpassfilterfreien
36 MP-Sensors bestens.

Referenzverdächtige Bildqualität
Wer die A7R unter optimalen Bedingungen – beispielsweise auf dem Stativ montiert – einsetzt, ird mit Bildern belohnt, die im sogenannten Vollformat ihresgleichen suchen. Dank der 36,4 Megapixel-Auflösung und des Verzichts auf das Tiefpassfilter kann die Kamera mit besten Objektiven den Fotografen mit herausragend detailreichen Bildern bei kaum zu übertreffender Bildschärfe beglücken, die gemeinhin eher mit dem Mittelformat assoziiert sind. Dabei beeindruckt zudem der überdurchschnittlich Dynamikumfang der Kamera und das vorbildliche Rauschverhalten. Die ältere Nikon D800, deren Sensor auch von Sony kommt und deswegen immer für einen Vergleich herhalten muss, ist zumindest in der Disziplin Rauschverhalten der A7R unterlegen. Zumal die Empfindlichkeits-Obergrenze der Nikon bei ISO 6400, im Falle der Sony bei ISO 25.800 liegt. Tatsächlich sind die Sony-Bilder mit unseren Lightroom- und Silkypix-Standardeinstellungen für die Rohdatenentwicklung erkennbar störungsfreier. Auch hat sich Sony dank einer neuen Anordnung der Sensorzellen um das Randabfall-Problem beim Arbeiten mit Weitwinkel-Objektiven gekümmert: Das von uns mit inem Novoflex NEX/NIK-Adapter angeschlossene Nikkor 2,8/28mm AiS liefert an der A7R schon ab Blende 5,6 randscharfe Bilder, an der D800 ist dafür auf Blende 11 abzublenden. Bei aller Liebe zu diesem Nikon-Klassiker: Augenfällig bessere, sprich noch einiges schärfere Bilder liefert das Sony Sonnar FE 2,8/35 ZA von Carl Zeiss, das perfekt zur A7R passt. Zwar weist auch dieses Objektiv einen gegenüber der Bildmitte vergleichsweise hohen Randabfall auf. Allerdings fällt das nur deswegen auf, weil das Objektiv im Zentrum so ungeheuer scharf ist, dass uns die Augen tränen. Das gilt – zumindest um zwei Stufen abgeblendet – auch für das Sonnar FE 1,8/55 ZA, das uns als leistungsfähiges Standardobjektiv durchaus überzeugt hat. Aber es müssen noch viel mehr Spitzenobjektive her. Das weiß auch Sony und wird noch dieses Jahr ein lichtstarkes Makro und ein Telezoom präsentieren. Bis 2015 soll es insgesamt 15 Top-Objektive geben. Auch Carl Zeiss wird nachlegen, sodass es in Kürze ein umfangreiches System geben wird.

Wer auf Autofokus verzichtet, kann Fremdobjektive gewinnbringend einsetzen. Absolut spitze an der A7R ist das Carl Zeiss Makro-Planar T* 2/100mm ZF2. Wenig verwunderlich, gehört es doch zu den wenigen Objektiven, die an der D800 vollauf überzeugen. Nach unserer Erfahrung ist die Paarung Sony A7R/Zeiss Makro-Planar 2/100 perfekt für die Produktfotografie geeignet. Wem es nicht zu scharf ist, kann das Objektiv, nicht zuletzt wegen seines wunderbaren Bokehs, auch gewinnbringend für Porträts verwenden. Dafür eignet sich aber auch Canons Available Light-Überflieger EF 85 mm 1:1,2L II USM, das am Vollformat-Sensor bei Offenblende seine ganz eigene Bildästhetik hat. Ebenfalls sehr überzeugend sind die Micro-Nikkore von Nikon, wobei die aktuellen Objektive, wir denken da auch an das grandiose Ultraweitwinkel-Zoom AF-S Nikkor 2,8/14-24mm, wegen des fehlenden Blendenrings spezielle Adapter erfordern.

Im Falle der Leica M-Objektive empfehlen sich die Standard- und Telebrennweiten, bei den Weitwinkeln ist indes Vorsicht geboten: Abgesehen von einer mehr oder weniger stark ausgeprägten Vignettierung kann es zu hässlichen magentafarbenen Bildrändern kommen. Einer unserer Lieblinge, das winzige Elmarit-M 1:2,8/28mm ASPH., kann deswegen an der Sony nicht überzeugen. Die digitalen Leicas haben an die eigenen Objektive angepasste Sensoren, weswegen die M-Objektive mit kurzer Brennweite immer noch am besten mit MKameras funktionieren. Was Sie aber auf keinen Fall machen sollten: Auf die A7R ein schlichtes Kit-Zoom oder ein billiges Superzoom aufdrehen oder adaptieren. Sie werden sich angesichts der Bilder aus lauter Frust unter der Bettdecke verstecken. Deswegen: Gönnen Sie der A7R beste Objektive, damit Sie Bilder machen können, bei deren Anblick Sie und andere aus dem Staunen nicht mehr herauskommen werden.

Alle Fotos: Copyright Harald Wittig

 

Fazit

Die Sony A7R ist sicher keine Allrounderin, hat jedoch in einer für viele Fotografen entscheidenden Disziplin das Zeug zur Vollformat-Klassenbesten: Mit Topobjektiven liefert sie herausragend scharfe und auch mit höchsten ISO-Stufen noch klare, derzeit unübertroffene Bilder. Für großformatige Fine Art-Prints von Produkt- und Landschaftsaufnahmen ist die Kamera bestens geeignet, zumal die A7R in puncto Bedienkomfort, Handlichkeit sowie Preis ihre direkten und indirekten Mitbewerberinnen locker abhängt.

 

Pictures_04_2014_TitelDieser Praxistest entstammt der Pictures Magazin Ausgabe 04/2014

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2017-06-13T13:07:02+00:00 9. Dezember 2014|Categories: Kameras, News, Praxistests|Tags: , , |

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